Die Alemannia-Doku, Teil 2

Teil 2: … und der Zukunft zugewandt?
· Das Wunder vom Bökelberg
· Ich bin stolz auf meine Mannschaft
· Unwürdiger Abschied von den Helden des Aufstiegs

Sommer 1999: Der einerseits lang erhoffte, andererseits aber doch plötzlich eingetretene Aufstieg ist geglückt. Nicht dabei aber ist der Vater des Erfolgs, Werner Fuchs. Nun gilt es, die Alemannia und den Tivoli fitt zu machen für die Zweite Bundesliga. Dem maroden Stadion wird in der Sommerpause durch eine Drainage und einen neuen Rasen sowie durch verschiedene – von den Verbandsgewaltigen des Deutschen Fußballbundes verordnete – Maßnahmen auf den Zuschauerrängen eine zweitligataugliche Kosmetik eingehaucht. Der unvergleichliche Charakter der Spielstätte bleibt allerdings – gottlob – bestehen. Grundlegende Änderungen am Tivoli sind im Vorfeld der Saison 1999/2000 bestenfalls in Planung, mehr nicht.

Die Vereinsspitze um den damaligen Präsidenten Wilfried Sawalies ist derweil damit beschäftigt, die sportlichen Voraussetzungen für die erste Profisaison nach neun Jahren zu schaffen. Die Probleme sind groß: Der Stuhl des Cheftrainers muss besetzt werden und das Gerüst der Mannschaft ist kritisch zu hinterfragen. Selbsternannte Experten geben der Alemannia mit dem Aufstiegskader nämlich nur wenig Chancen auf ein mehr als einjähriges Intermezzo in der Zweiten Fußballbundesliga. Aber die Euphorie ist groß im Grenzland; denn das Umfeld freut sich auf die Spiele gegen Gegner wie den 1. FC Köln oder der gerade eben erst abgestiegenen Borussia aus Mönchengladbach. Und überhaupt: 14 der 18 Zweitligisten haben irgendwann schon einmal im Oberhaus, der „richtigen“ Bundesliga, gespielt. Der Hofberichterstatter der Liga, das DSF, spricht daher von der stärksten Zweiten Liga aller Zeiten – und Alemannia ist dabei!

Die wesentlichen Spielerverpflichtungen für die kommende Saison sind bereits getätigt. Mit Willi Landgraf, Markus von Ahlen, Taifour Diane, Dietmar Berchtold (und anderen) werden Akteure an den Tivoli geholt, die über Profierfahrung verfügen und sportlich wie menschlich in den Aufstiegskader integriert werden können. Und darüber hinaus trägt die gute Jugendarbeit der Alemannia in den vergangenen Jahren Früchte: Ugur Inceman, Bernd Rauw, David Marso – dies sind nur einige der Spieler, die in den kommenden Wochen und Monaten zum Kader stoßen und erfreuliche Leistungen abliefern werden. Wer allerdings soll diesen Kader trainieren? Trotz der Unterstützung der Kinowelt ist die Alemannia finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet. Die Mittel reichen für einen erfahrenen Trainer jedenfalls nicht aus. So müssen z.B. die Verhandlungen mit Horst Ehrmantraut ergebnislos beendet werden und man entscheidet sich letztlich für einen Trainernovizen als Übungsleiter; sein Name: Eugen Hach. Schon Werner Fuchs stellte am Ende der Aufstiegssaison Kontakte zum Mannheimer Co-Trainer her. Der frühere Alemannia-Profi sollte – ohne Festlegung eines konkreten Aufgabengebiets – in die sportliche Leitung des Vereins integriert werden. Der plötzliche Tod des Aufstiegstrainers und erfolglose Gespräche mit anderen Kandidaten führen zu Eugen Hach als Cheftrainer.

Sieg auf dem Bökelberg

Die Saison startet hervorragend für den Aufsteiger: Nach einem 4:1-Sieg zum Saisonauftakt über die Stuttgarter Kickers steht die Alemannia als erster Tabellenführer der Spielzeit 1999/2000 fest. Und zum anschließenden Auswärtsspiel beim VfL Bochum begleiten rund 6.000 Anhänger aus Aachen die Mannschaft ins Ruhrstadion – zwar setzt es eine deftige 0:5-Niederlage, der Euphorie tut das aber keinen Abbruch. Nach einem 2:2 zu Hause gegen den hoch gehandelten Aufstiegskandidaten Tennis Borussia Berlin sieht der vierte Spieltag das Aufeinandertreffen alter Rivalen am linken Niederrhein vor: Die Mönchengladbacher Borussia, erstmals betreut von Trainer Hans Meyer (Rainer Bonhof wurde kurz zuvor beurlaubt), empfängt die Aachener Alemannia. 34.000 Zuschauer am ausverkauften Bökelberg (darunter 11.000 aus Aachen) werden Zeuge eines historischen 2:1- Auswärtssieges. Nach weiteren Erfolgen in den kommenden Wochen belegt der Aufsteiger aus dem Grenzland einen Aufstiegsplatz.

In dieser Euphorie und ohne Not wird nach nur wenigen Wochen der ursprünglich nur bis zum Saisonende befristete Vertrag mit dem gerade erst 39 Jahre alt gewordenen Trainer Eugen Hach (zu deutlich verbesserten Konditionen) bis zum Ende der Saison 2002/03 verlängert. Der engagierte Übungsleiter, der sich mit den Erfolgen der Mannschaft voll identifiziert (oft gehörtes Zitat in diesen Wochen: „Ich bin stolz auf meine Mannschaft!“), prophezeit der Alemannia eine großartige Zukunft, einen Bundesligaaufstieg spätestens nach Ende der Saison 2002/03 mit eingeschlossen. Übrigens ist es das Präsidium um Wilfried Sawalies, das für die Vertragsverlängerung mit Eugen Hach verantwortlich zeichnet (und nicht, wie später oft behauptet oder vermutet, die Führungscrew um Hans Bay). Zur Begründung der neuen arbeitsvertraglichen Konstruktion mit dem Übungsleiter wird später oft darauf verwiesen, man habe einen talentierten Übungsleiter, der sich in den ersten Wochen seines Wirkens als Glücksfall für den Verein herausgestellt habe, langfristig an die Alemannia binden wollen. Tatsächlich aber bindet sich der Club damit zu überhöhten Konditionen an einen Coach, dessen Qualifikation für das Profigeschäft nicht ausreichend bewiesen ist.

Der Vertragspartner Eugen Hachs, der damalige Präsident Wilfried Sawalies, kehrt dem Verein nur kurze Zeit später den Rücken. Ein allzu attraktives Angebot der Kinowelt-Tochter Sportwelt macht ihn zum Arbeitnehmer des Wohltäters vieler Traditionsvereine, Michael Kölmel. Die enge Verbindung zwischen Geldgeber Kölmel und Zahlungsempfänger Alemannia lässt eine Interessenskollision des bisherigen Präsidenten zumindest denkbar erscheinen. So wird der Weg frei für ein neues Präsidium: Chef der Alemannia wird der langjährige bewährte Schatzmeister Hans Bay, ihm zur Seite steht der neue Schatzmeister Bernd Krings. Dirk Courté und Manfred Grandt vervollständigen als Vizepräsidenten das Führungsquartett des Zweitligisten. Und der Jahreshauptversammlung, die diesen Wahlakt vollzieht, wird eine stolze Bilanz des Geschäftsjahres 1999 vorgelegt; die Gewinn- und Verlustrechnung weist einen Überschuss in sechsstelliger Höhe aus. Die Alemannia steht prima da!

Zum Komplex „Kinowelt – Sportwelt – Michael Kölmel“: im Winter 1999/2000 entwickeln sich erste vage Pläne in Sachen Tivoli-Ausbau. Zwar werden der Öffentlichkeit erst ein knappes Jahr später Modelle vorgestellt, aber unter Leitung des Verwaltungsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden, finden im Rahmen eines Moderationsverfahrens hinter den Kulissen erste Diskussionen über die Spielstätte statt. Unabhängig von der genauen baulichen Ausgestaltung der zukünftigen Arena: klar ist, dass trotz der mittlerweile soliden wirtschaftlichen Situation ein Umbau durch die Alemannia allein nicht zu stemmen ist. Die Kinowelt bietet daher großzügig weitere Mittel für die angestrebte Baumaßnahme an, wünscht sich aber im Gegenzug umfassende Vermarktungsrechte an Verein und Tivoli. Da jedoch spielt das Präsidium nicht mit. Wenn man dem Präsidium dieser Zeit auch in den kommenden Jahren allerlei Unfug vorwerfen kann; dass die enge Bindung an ein Unternehmen und damit die Aufgabe der Selbstständigkeit des Vereins unterbleibt, ist Verdienst der Führungscrew um Hans Bay. Ein dem SSV Ulm einige Zeit später ereilendes Schicksal (Lizenzentzug und Zwangsabstieg) bleibt der Alemannia dadurch erspart. (Übrigens: erst im Frühjahr 2002 wird bekannt werden, dass sich Präsident Hans Bay seine Bemühungen im Rahmen der Kinowelt-Verhandlungen durch die Alemannia als Beratungsleistungen seiner beruflichen Wirtschaftsprüfungskanzlei honorieren lässt. Eine recht eigenartige Auffassung von ehrenamtlicher Vereinsarbeit.)

Lange Sperre für den Trainer

Aber zurück zum Fußball der Saison 1999/2000: der Schwung der ersten Wochen geht zwar im Lauf der Saison ein wenig verloren (so gibt es im April 2000 erstmals drei Niederlagen in Folge). Dennoch aber ist die Alemannia weiterhin stärkster Aufsteiger und hat nach wie vor mehr als nur bloße theoretische Chancen auf einen sofortigen Durchmarsch in die Bundesliga. Nach dem 1:0-Sieg am 30. Spieltag gegen den FC Energie Cottbus fehlt dem Verein nur ein Punkt auf den zum Aufstieg berechtigenden dritten Tabellenplatz. Aber nicht die hervorragende Tabellensituation beherrscht die Diskussion in diesen Tagen, vielmehr ist es der – in erster Linie von den ostdeutschen Gästen – ausgehende Hass, der die Partie zu einem Skandalspiel werden lässt. Und mittendrin statt nur dabei in den Raufereien am Spielfeldrand ist Eugen Hach, der sich zu einer klaren Tätlichkeit gegen den Cottbusser Spieler Franklin Bittencourt hinreißen lässt. Die folgerichtige Strafe der Verbandsgewaltigen lässt nicht lange auf sich warten. Der Aachener Trainer wird bis zum Auftakt der kommenden Saison gesperrt. Ohne ihn wird in den noch ausstehenden vier Spielen nur noch ein Punkt geholt, die Spielzeit ist gelaufen und wird auf einem – dennoch achtbaren – achten Tabellenplatz beschlossen.

Seine Planungen für die Saison 2000/01 hat der Übungsleiter indes schon Monate vorher der Öffentlichkeit vorgestellt: nur 15 oder 16 Spieler des aktuellen Kaders, so Hach in einem Interview mit der Aachener Zeitung im Januar 2000, spielen in seinen Planungen eine Rolle. Dazu gehört auch der chinesische Stürmer Xie Hui, der im März 2000 als teuerster Alemannia-Neuzugang aller Zeiten (Ablöse: 1,5 Mio. DM) am Tivoli vorgestellt wird. Dem Kader nicht mehr angehören sollen nach Hachscher Vorgabe u.a. die Aufstiegshelden Michael Zimmermann und Erwin Vanderbroeck. Insbesondere die beabsichtigte Trennung von Erwin Vanderbroeck stößt aber auf völliges Unverständnis bei den Fans, ist er doch einer der wenigen Spieler im Kader, der neben der kämpferischen auch für fußballerische Qualität sorgt. Und besonders auch die Art seiner Verabschiedung – Erwin Vanderbroeck wird im bedeutungslosen letzten Saisonspiel gegen die SpVgg. Greuther Fürth selbst ein Kurzeinsatz verwehrt – sorgt für mehr als nur verständnisloses Kopfschütteln im Aachener Anhang. Und zur missglückten „Vergangenheitsbewältigung“ mit den Aufstiegshelden des Jahres 1999 gehört auch die Retusche einer Fanfahne mit dem Namen Werner Fuchs. So bleibt am Ende einer an sich geglückten ersten Zweitligasaison am Ende doch ein fader Beigeschmack.

Fortsetzung am 26.12., 10:00 Uhr

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