Die Alemannia-Doku, Teil 3

Teil 3: Verlorener Kredit bei den Fans
· Den Dreck lese ich nicht
· Der Dreck schweigt
· Ansgar Brinkmann und der Verwaltungsrat

Auszug aus der Darstellung der Vereinsgeschichte auf der offiziellen Homepage der Alemannia: „Während in manchen Städten des Rheinlands die Sportvereine aus Turnvereinen entstanden sind, wurde in Aachen das Fußballspiel ab Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts in den höheren Schulen gepflegt. Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, Oberrealschule und Realgymnasium begannen ungefähr gleichzeitig mit regelmäßigen Übungsspielen auf dem Marienthaler Kasernenhof (Franzstraße), dem damaligen Spielplatz des Vereins für Jugend- und Volksspiele. 18 dieser Schüler gründeten dann am 01.12.1900 den „Fußballclub Alemannia“. Entscheidend für die Gründung des Vereins war der Umstand, dass die Schulen weder Wettspiele noch Teilnahme von Nichtschülern gestatteten. Da der Name 1. FC Aachen gerade durch einen kurz zuvor gegründeten und bald wieder aufgelösten Verein vorweggenommen wurde, gab man sich den Namen „Alemannia“, der damals die Vertretung des äußersten Westen des Deutschen Reichs betonen sollte. Der Mitgliedsbeitrag wurde auf 30 Pfg. festgelegt und von den ersten Einnahmen wurde ein „Vereinsball“ angeschafft. Das erste Wettspiel (eine geregelte Meisterschaftsserie gab es noch nicht) wurde schon am 16. Dezember 1900 ausgetragen gegen den FC Dolhain (heute Belgien) und mit 6:0 gewonnen. Als Torpfosten dienten Holzstangen, die vor dem Spiel erst in den harten Kiesboden gerammt werden mussten. Eine Latte gab es noch nicht, dafür wurden die Torstangen mit einer Leine verbunden und Netze fehlten gar bis 1905. Zuschauer, die Eintritt bezahlten, gab es ebenfalls keine, da das Gelände nur von Militär und Vereinsmitgliedern betreten werden durfte. Gegnerische Mannschaften wurden auf Schleichwegen an den Militärposten vorbei auf den Platz geleitet.“

Im Jahr 2000 kann die Alemannia ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Und das tut sie auch – und wie! Auf dem traditionsreichen Katschhof findet im September 2000 eine „Open-Air-Jubi- Party“ statt, mit der der Verein sich feiert und feiern lässt. Selbst Jennifer Rush und Konrad Beikircher reisen an, um der Veranstaltung das notwendige Flair zu verleihen. Gleichzeitig findet in der Kundenhalle der Aachener Sparkasse die Ausstellung „You never walk alleng – Bewegtes aus 100 Jahren TSV Alemannia Aachen“ statt. Die Begeisterung ist groß, für die Finanzierung dieser Jubelarien interessieren aber nur wenige Anhänger. Dem Verein geht es gut; ihm ist die Lizenz für die beginnende Saison ohne Auflagen und Bedingungen erteilt worden.

Auch sportlich zeigt sich die Alemannia in diesen Wochen von ihrer besten Seite. Zwar geht der Saisonauftakt im Mannheimer Carl-Benz-Stadion mit 0:3 gegen den SV Waldhof gründlich in die Hose. In den folgenden Spielen aber zeigt die Mannschaft eine selten gesehene Kombination sowohl schönen als auch erfolgreichen Fußballs: Die Begegnungen gegen den SSV Reutlingen, die Stuttgarter Kickers und den MSV Duisburg werden gewonnen, bei Arminia Bielefeld und zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach wird jeweils einfach gepunktet. Das Team ist somit in der Anfangsphase der Saison 2000/01 im vorderen Drittel der Tabelle der Zweiten Bundesliga zu finden. Ganz plötzlich aber reißt die Serie: Nach den genannten fünf Spielen ohne Niederlage folgen in den zwölf Partien bis zur Winterpause nur noch drei Siege und ebenso viele Unentschieden, sechs Begegnungen werden dagegen verloren. Dabei sind sehr peinliche Niederlagen gegen Liga-Underdogs (z.B. gegen Chemnitz und in Ulm) ebenso zu verzeichnen wie überdeutliche gegen Hannover 96 (0:4) und den 1. FC Nürnberg (1:6). Folge der Talfahrt ist ein elfter Tabellenplatz in der Winterpause; nur vier Punkte trennen die Mannschaft von einem Abstiegsplatz.

Kritik wird lauter

Trainer Eugen Hach, gegen dessen Arbeit und Auftreten schon am Ende der ersten Zweitliga-Saison vereinzelt Kritik laut wurde, sieht sich auf Grund der nachlassenden sportlichen Leistungen seiner Mannschaft zunehmendem Druck aus Reihen der Fans ausgesetzt. Aber nicht nur die Talfahrt in der Tabelle ist Gegenstand der Diskussionen; auch der durch Hach vorgenommene radikale Schnitt im Kader, der Verzicht auf alt gediente Spieler also und der statt dessen vorgenommene Einbau neuer Kräfte (insgesamt elf (!) neue Spieler werden zu Beginn der Saison der staunenden Öffentlichkeit präsentiert), wird nun beanstandet. Deshalb wird der Ruf nach einem Sportdirektor laut. Plattform für all diese – und auch weitere – Themen ist u.a. das freie Diskussionsforum auf der offiziellen Internetseite der Alemannia. Neben sachlicher und fundierter Kritik aber wird diese Plattform zunehmend auch von anonymen Postern für rüde Verbalattacken genutzt. Diese Art „sachlicher Auseinandersetzung“ trägt zur Lösung der sportlichen Probleme natürlich nicht bei; andererseits: Die Reaktion des Adressaten der Kritik, Eugen Hach, zeugt ebenfalls nicht von gelassener Souveränität. Die ihm zunächst zugeschriebene Bezeichnung („anonyme Lutscher“) wird später vom Trainer zwar dementiert. Die Beziehung zwischen dem Übungsleiter und Teilen des Publikums ist fortan jedoch nachhaltig gestört. Um die Diskussion zu versachlichen, beschließt der Verein, den schreibenden Zugriff auf das Forum der Vereins-Homepage nur noch registrierten Nutzern zu ermöglichen. Dies trägt auch tatsächlich zu einem gesitteteren Ton bei. Aber erste Risse in der bisherigen Harmonie zwischen Vereinsführung und Vereinsumfeld sind erkennbar.

Das im Winter 1999/2000 unter Leitung des Verwaltungsratsvorsitzenden Dr. Jürgen Linden begonnene Moderationsverfahren über ein neues Stadion findet unterdessen mit der Vorstellung eines ehrgeizigen Modells seinen Abschluss: In den folgenden Jahren, so die Planung, soll der Tivoli sukzessive und bei laufendem Spielbetrieb zu einer hoch modernen Arena mit 25.000 Zuschauerplätzen umgebaut werden. Bis 2003 soll der Umbau beendet sein; selbst von einer Berücksichtigung des neuen Tivoli im Rahmen der Weltmeisterschaft 2006, für die Deutschland im Sommer 2000 den Zuschlag erhielt, wird geträumt (es interessiert offensichtlich nicht, dass die DFB-interne Bewerbungsfrist bereits lange abgelaufen ist). Die Kosten des Umbauprojekts belaufen sich auf rund 60 Mio. DM, für einen Betrag von 25 Mio. DM (verteilt über drei Jahre) gibt Dr. Jürgen Linden auch gleich eine Finanzierungszusage der Stadt als Eigentümerin des Tivoli. Der Anteil der Alemannia kann durch Sponsorenbeteiligungen und/oder Vermarktungsverträge weiter gesenkt werden – alles in allem eine für den Verein „bezahlbare Lösung“ (Zitat aus der damaligen Berichterstattung). Konflikte mit den Anwohnern werden offenbar weder befürchtet noch ernst genommen: Nur so ist das arrogante Verhalten des Alemannia-Präsidenten Hans Bay bei einer WDR-Veranstaltung am Elisenbrunnen zu erklären, der sich taktisch äußerst unklug und den tatsächlichen rechtlichen Möglichkeiten der Anwohner zum Trotz (diese könnten das Projekt aus Gründen des Lärmschutzes aufhalten) jegliche Kritik an den vorgelegten Plänen verbittet.

Derlei Aussetzer in der Außendarstellung häufen sich bei den Vereinsoberen: So gelingt es nicht, den zunehmend kritischer werdenden Fans die stetige Vergrößerung des Verwaltungsapparats seit dem Aufstieg plausibel zu erläutern. Damit nicht genug: Das Präsidium stellt seine Ehrenamtlichkeit in Frage und denkt öffentlich über die Vergütung der eigenen Tätigkeit nach. Die lauter werdenden Forderungen nach einem Sportdirektor werden dagegen ignoriert; wenn schon eine solche Funktion, dann bitte eine Besetzung mit einer Person aus dem unmittelbaren Umfeld des Vereins und bloß nicht durch irgendwelche „gegelten Typen“. So wird Schatzmeister Bernd Krings, ein ausgewiesener Fußballlaie, der während der Winterpause aber immerhin den australischen Abwehrspieler Mark Rudan verpflichtet, vom Präsidium für den lukrativen Posten des Sportdirektors ins Gespräch gebracht. Die fatale Mischung aus Arroganz, Ignoranz, Klüngelei und Selbstherrlichkeit führt zu zunehmender Kritik an der Arbeit des Präsidiums (und insbesondere des Präsidenten Hans Bay) – war es im Spätherbst allein Trainer Eugen Hach, der den Gegenwind der Öffentlichkeit spürte, ist es nun die gesamte Vereinsspitze.

Unterdessen geht die Zweitligasaison 2000/01 in die Rückrunde – und diese ist ähnlich durchwachsen wie die letzten Wochen der Hinrunde. Auswärts ist die Mannschaft nur noch ein Schatten ihrer selbst; lediglich beim abgeschlagenen Tabellenletzten Chemnitzer FC wird ein mühsamer 3:2-Erfolg erzielt. Ansonsten gibt es bis Mitte April 2001 fünf fürchterliche Auswärtsniederlagen (in Reutlingen, Duisburg, Mönchengladbach, Osnabrück und Oberhausen; Torverhältnis in diesen fünf Spielen: 3:21). Während auswärts beharrlich und deftig verloren wird, steht am Tivoli die „Null“; in sechs aufeinander folgenden Heimspielen bleibt Alemannia ohne Gegentor, fünf Siege und ein torloses Unentschieden verhindern in diesen Wochen ein Abrutschen auf einen Abstiegsplatz.

Unzufriedenheit mit der Vereinsführung und mit der mangelnden sportlichen Konstanz; da wollen die Fans miteinander reden und über die Situation diskutieren. Und wo geht dies besser als auf der eigens dafür eingerichteten Plattform im Internetangebot des Vereins, dem Diskussionsforum? Zwar muss man zum Mitreden seit Herbst 2000 registrierter Stammposter sein; damit hat man sich aber mittlerweile arrangiert. Zwar muss man sich als solcher registrierter Stammposter im Februar 2001 mit einem (oder mehreren?) anonym im Forum agierenden und agitierenden Vereinsangestellten herumärgern; aber auch dies nimmt man nach der treuherzigen Versicherung der Vereinsführung, es habe sich um die Verfehlung eines „Einzeltäters“ gehandelt, hin. Zwar ärgert man sich als registrierter Stammposter auch, wenn der Präsident in seiner unnachahmlichen Art vermeldet, der im Forum hinterlassene „Dreck“ interessiere ihn nicht; aber die Hoffnung der Fans ist dennoch, dass die veröffentlichten Meinungen bei den Verantwortlichen des Vereins ankommen. Und sie kommen an, der Verein reagiert jedoch anders als erhofft: Nach zunehmender Kritik wird auf unmittelbare Anweisung des Präsidenten – so glaubt man zunächst; später aber stellt sich heraus, dass Schatzmeister Bernd Krings der Initiator war – das Diskussionsforum auf der Homepage des Vereins geschlossen.

Die diskussionswilligen und nun zornigen Internetuser machen aus der Not eine Tugend. Die ohnehin wenig geliebte neue Homepage der Alemannia (seit Rückrundenbeginn im Netz) wird von den meisten völlig – also in sämtlichen Bereichen – gemieden und zum Diskutieren „treffen“ sie sich nun im passwortfreien Forum des Alemannia Internet-Stammtischs. Nachdem die erste Wut und das erste Entsetzen einigermaßen überwunden sind, widmet sich die dortige Diskussion zunehmend der Frage, wie man für den geliebten Verein am besten handeln könne. Da die Alemannia zu diesem Zeitpunkt die magische 40-Punkte- Hürde noch nicht überwunden hat, entschied die Interessengemeinschaft der Fans (IG) auf einem Treffen eine Woche vor Forumsschließung, beim anstehenden Heimspiel gegen den FSV Mainz mit Blick auf die sportliche Situation keine Protestaktionen durchzuführen. Dieser Entschluss der IG wird nun ernsthaft in Frage gestellt. Zuerst gestaltet sich die Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern offen: Die Angst um den Klassenerhalt und um die Gefahr, die Mannschaft mit Aktionen zu hemmen, steht hierbei auf der einen Seite. Letztlich aber setzt sich die Überzeugung durch, dass es kein Warten mehr geben dürfe. Würde den Verantwortlichen diesmal, so der Tenor der Befürworter, nicht gezeigt, dass man so nicht mit den Ängsten und Sorgen von Fans umgehen dürfe, so sei für die Zukunft das Allerschlimmste in allen Bereichen zu befürchten.

Der Dreck schweigt

Auch hinter den Diskussionen im Forum des Internet-Stammtischs wird unter den Onlinefans eifrigst und reichlich kontrovers debattiert. Die Anzahl der ausgetauschten Mails nimmt hierbei ungeahnte Ausmaße an, doch letztlich steht nach einer internen Abstimmung der Entschluss mit überwältigender Mehrheit fest: Es muss etwas passieren, das Fass ist übergelaufen. Hierbei ist bei einigen der Stammtischler wohl auch mitentscheidend, dass sie jetzt bereits – ohne das mit Fakten belegen zu können – Kenntnis von finanziellen Unregelmäßigkeiten (u.a. beim Rudan-Transfer) im Verein haben, von denen in einem der späteren Teile dieser Serie noch zu sprechen sein wird. Auch wenn mittlerweile das Forum auf der offiziellen Alemannia-Homepage wiedereröffnet ist und zur Begründung der Schließung die Gefährdung eines Spielertransfers durch gewisse Diskussionsbeiträge angeführt wird, organisieren die Onlinefans unter der Federführung von Didi und BigBandi eine Protestaktion unter dem Namen „Der Dreck schweigt!“. Der sehr maßvoll formulierte Protestaufruf (siehe Anhang I, unten), der sich nicht allein auf die Internetbelange, sondern auch auf die gesamte Situation im Verein bezieht, wird hierbei im Stammtischforum mit der Bitte um zahlreiche Vervielfältigung und Verbreitung veröffentlicht.

Die geplante Aktion gelingt tatsächlich, denn beim Mainzspiel kommt es zum 10-minütigen Schweigen zu Beginn der Partie, an dem sich 10.200 Zuschauer ausnahmslos beteiligen – ein überwältigender und zugleich erschreckender Erfolg, zeigt er nur zu deutlich, dass die Internetuser mit ihrem Sorgen um die Entwicklung des Vereins nicht alleine dastehen und die Vereinsspitze durch ihr Verhalten mittlerweile die Mehrzahl aller (!) Alemannia-Anhänger gegen sich aufgebracht hat. Dass das Tischtuch zerschnitten ist, wird zwei Wochen nach dem Protest bei einem vom Präsidium organisierten Fantreff noch untermauert, denn trotz öffentlich bekundeter Zugeständnisse von Fehlern bei den Verantwortlichen bleiben konkrete Fragen von Fans unbeantwortet. Vielmehr geben das Präsidium und die sportliche Leitung bei diesem Treffen insgesamt ein ziemlich schwaches Bild ab (kritische Betrachtungen des besagten Fantreffs durch Aixla und durch BigBandi – siehe Anhang II und III, unten).

In dieser Situation schaltet sich nun der Verwaltungsrat zunehmend in die Führungsarbeit der Alemannia ein. Schon am 4. Februar 2001, 2 ½ Monate vor dem Fanprotest, wurde in einer gemeinsamen Presseerklärung des Präsidiums und des Verwaltungsrates die notwendige verstärkte Zusammenarbeit beider Gremien betont. Zu diesem Zeitpunkt aber steht offensichtlich noch die sportliche Situation im Vordergrund („die gemeinsamen Kräfte sollen auf die sportliche Konsolidierung des Vereins konzentriert werden, die überregionale Ausschreibung der Stelle eines Sportdirektors ist voranzutreiben“), nur am Rand gibt es Aussagen zur verbesserungswürdigen Öffentlichkeitsarbeit des Clubs. Von ernsthaften Problemen um die Alemannia ist hier noch nicht zu lesen. Schon drei Monate später, am 9. Mai 2001, liest sich eine weitere gemeinsame Presseerklärung der beiden Gremien deutlich strenger: von bedauerlichen Fehlern in der Aufbauphase nach dem Aufstieg ist zu lesen und von teilweise unterlassenen Anstrengungen hinsichtlich der sportlichen, wirtschaftlichen und werblichen Optimierung. Es bestehe deshalb die Notwendigkeit, die Arbeit für den Verein zu verbessern; dazu gehöre auch der Abschluss einer neuen leistungsabhängigen Vereinbarung zwischen Verein und Cheftrainer. Ein Sportdirektor müsse eingestellt werden, ebenso ein kaufmännischer Leiter; das Präsidium habe sich fortan auf die ehrenamtliche Leitung des Vereins zu konzentrieren, hauptamtliche Ambitionen seien zurückzustellen. Außerdem würden sich sowohl Präsidium als auch Verwaltungsrat auf der nächsten Mitgliederversammlung vorzeitig und außerordentlich der Vertrauensfrage stellen. Spätestens nach dieser Presseerklärung ist klar: Das Präsidium um Hans Bay ist entmachtet. Innerhalb des vergangenen halben Jahres hat es seit der Winterpause jeglichen Kredit verspielt; noch ein halbes Jahr wird es dauern, bis es auch formal abtritt (dazu aber in den nächsten Folgen mehr).

Dass der Verwaltungsrat nun das „Sagen“ im Verein hat, wird noch im Monat Mai deutlich; die vom Präsidium bis kurz vor einen Abschluss geführten Transferverhandlungen mit dem „weißen Brasilianer“ des VfL Osnabrück, Ansgar Brinkmann, werden vom Aufsichtsgremium um Dr. Jürgen Linden gestoppt. Spätestens da wird auch deutlich, dass sich die wirtschaftliche Situation des Vereins, die noch anlässlich der Jahreshauptversammlung im Dezember 2000 so außerordentlich positiv dargestellt wurde (Überschuss im Geschäftsjahr 2000: 600.000 DM), radikal verschlechtert hat. Zu diesem Zeitpunkt (im Frühjahr 2001) stellt sich in den Augen vieler Fans der Verwaltungsrat als ein hoffnungsvolles Gremium dar, das trotz der eklatanten Schwäche des Präsidiums für die richtigen Weichenstellungen im Verein sorgt. Die Frage, ob und inwieweit der Verwaltungsrat in dieser Zeit seiner Aufsichtspflicht gegenüber dem Wirken des damaligen Präsidiums unzureichend nachgekommen ist, wird später oft gestellt werden. Bis heute ist sie im Wesentlichen unbeantwortet geblieben. Dass aber der Verwaltungsrat zweifellos schon zu diesem Zeitpunkt über die desolate wirtschaftliche Situation der Alemannia informiert ist, belegt der von ihm gestoppte Brinkmann-Transfer.

Am Ende der Saison 2000/01 weist die Alemannia – wie im Vorjahr – 46 Punkte auf; Ergebnis ist ein 10. Platz in der Abschlusstabelle. Betrachtet man die Saison nicht nach Tore, Punkte oder Meisterschaften, fällt die Bilanz deutlich schlechter aus. Das Tischtuch zwischen Trainer und Fans ist ebenso zerrissen wie das zwischen der Vereinsführung und dem Anhang. Die wirtschaftliche Situation hat sich rapide verschlechtert. Sportlich tritt der Verein auf der Stelle, betrachtet man nur die Spielweise der Mannschaft (insbesondere auswärts und in der Rückrunde), sind sogar deutliche Rückschritte gegenüber der ersten Saison in der Zweiten Bundesliga erkennbar. In dieser Verfassung muss man Angst um den Verein bekommen; aber es sollte noch viel schlimmer kommen.

Fortsetzung am 28.12., 10:00 Uhr


Anhang I (Der Inhalt des am Tivoli vor dem Spiel gegen Mainz 05 verteilten Aufrufs)

Informationen zum FANPROTEST
Liebe Alernannia-Fansl

Der eine oder andere unter Ihnen hat es sicherlich bereits über die Presse- oder Rundfunkinformationen erfahren. Für das heutige Spiel ist ein Fan-Protest in folgender Form geplant: 19.00 – 19.10: SCHWEIGEN (keine Trommeln, kein Klatschen, kein Gesang! Auch nicht, wenn ein Tor fällt!), eingeleitet durch ”Seid still, wenn Ihr Aachener seid!” und untermalt von Plakaten ”DER DRECK SCHWEIGT!” danach: Voller Support für unsere Mannschaft! Zur Erklärung: Dieser Protest wurde in einem Internet-Forum ”geboren”, nachdem das offizielle Forum in einer John- Wayne-Manier” (frei nach Hans Bay) kurzerhand von ihm selbst „erschossen”, sprich abgeschaltet worden war. Aber das allein war nur das berühmte I-Tüpfelchen, welches den teilweise erniedrigenden und beschämenden Beschimpfungen des Herrn Bay – in Richtung Fanschaft – letztlich nur die Krone aufsetzte. Inzwischen hat man im Präsidium (die Frage sei erlaubt: Wer ist denn eigentlich das Präsidium?) reagiert und versucht, diesen Schaden” zu beheben. Aber wer kann heute schon behaupten, ”der Bay hat das tatsächlich so gesagt, und vor allen Dingen auch so gemeint”? Wessen Aussagen kann man z.Zt. überhaupt noch Glauben schenken? Der Presse? Auch hier muss man jeden Artikel mehrfach hinterfragen. Ist wirklich ordnungsgemäß recherchiert worden? Aber es gibt sie dennoch: Aussagen, ungeschminkt und ungeschnitten. Nämlich die unseres Cheftrainers Eugen Hach im TV. Aber auch hier: Eine Beurteilung muss jeder für sich finden. Ob die gezeigten Leistungen unseres Teams als zusätzliches Indiz für seine bisher geleistete Arbeit gewertet werden können, obliegt auch Ihrer persönlichen Bewertung. Es ist aber die Gesamtheit aller bisher dargebotenen Fehlleistungen, die fehlende Dialogbereitschaft und nicht zuletzt auch die mehr als ungenügende Öffentlichkeitsarbeit, die ein Verständnis für gewisse Entscheidungen zunehmend ausschließen. Es ist sehr schwierig, wirkliche Fakten zur Situation heranzuziehen, trotz aller Bemühungen. Zu sehr wird gelogen, vertuscht, die Wahrheit gar verbogen. Aber eines ist gewiss: Es ist mehr als nur ein Gefühl, dass irgendetwas mit ”unserer” Alemannia nicht stimmt. Es bleiben viele Fragen offen, auf die wir auch zukünftig versuchen werden, entsprechende Antworten zu finden. Seien Sie dessen versichert! Wir, eine kleine Alemannia-lnternetgemeinde, die aus Ihrem schwarz-gelben Herzen keine Mördergrube macht, werden in diesem Protest auch von anderen Fangruppen unterstützt. Falls auch Sie, werte Alemannia-Fans und Alemannia-Mitglieder, das Gefühl haben, dass es in unserem Verein nicht so weitergehen kann wie bisher; Es hindert Sie niemand daran, sich dem stillen Protest in den ersten 10 Minuten des Spiels anzuschließen! Mit schwarz-gelben Grüßen Alemannia Internet-Stammtisch, mit freundlicher Unterstützung der Mehrheit aller Alemannia Internet-Fans und einigen unterstützenden Fangruppen. Meinungsaustausch über info@alemannia-onlinefans de oder entsprechende Foren ist erwünscht!

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Anhang II …geschrieben von Aixla aka Dirk Heinhuis am 04.05.2001 (als Beitrag auf der Webseite des Internetstammtischs)

Benefizspiel am Tivoli

Hintergrund: Die gemeinsame Aussprache von Verein und Fans anläßlich des stillen Fanprotests beim Heimspiel gegen Mainz 05.
Ort des Treffs: VIP-Zelt an der Alemannia Geschäftsstelle.
Benefizspiel am Tivoli: Old Alemannia Boys – TSV Supporter United 2 : 36 (1:12)

Am gestrigen Abend trafen sich im überdachten VIP-Stadion zu Aachen die Mannschaften der Old Alemannia Boys und von TSV Supporter United zu einem Benefizspiel zugunsten von Alemannia Aachen. Der Verein wurde, nachdem heftige Stürme vorangegangen waren, von einem schweren Ruhe-Orkan getroffen. Dieser hatte zwar selber nichts zerstört, wohl aber die Schäden der vorangegangen Stürme sichtbar gemacht und marode Dächer abgetragen.

Zunächst einmal die Mannschaftsaufstellungen und Statistiken: Statistik (in Klammern die Noten)
Zuschauer: 300 (davon ca. 30 Old-Fans)
Tore: 2 : 36
Schiedsrichter: Jürgen Schmitz (3 – hätte schlimmer sein können)
Assistent: Robert Jacobs (1 – absolut unauffällig)
Old Alemannia Boys (in schwarz-gelbem Trikot):
Tor: Bernd Krings (6)
Abwehr: Hans Bay (4) , Dirk Courté (5)
Mittelfeld: Eugen Hach (4)
Sturm: Leo Führen (2), Manfred Grandt (6)
Reserve: Stephan Lämmermann (-), Frank Schmidt (2), Markus v. Ahlen (-), Willi *The Pommesman* Landgraf (2)
Es fehlte: Jürgen Linden (Linksaußen)

TSV Supporter United (*siehe Anm.) (ebenfalls schwarz-gelb):
Tor: fast unnötig (-)
Abwehr: Einer oder Zwei (3)
Mittelfeld: ein paar (2) Sturm: ca. 15 (2)
Reserve: jede Menge (2)

Der Unparteiische pfiff das Spiel pünktlich um 19:30 Uhr an. Sofort schnappte sich TSV Stürmer X. das Leder und machte sich forsch auf den Weg Richtung Boys-Tor. Abwehrrecke Bay hatte den Braten aber gerochen und luchste X. die Kugel ab. Dieser Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer, denn X (als Kämpfer bekannt und äußerst raffiniert ;-)) holte sich auf dem schwer zu spielenden Geläuf den Ball sofort zurück und schoss ohne Probleme zur frühen 1:0 Führung ein. Nach dem Wiederanstoß landete das Spielgerät direkt vor den Füßen von United Spielführer Y. Dieser fackelte nicht lange und schob am verdutzen Keeper Krings zum 2:0, 3:0 und 4:0 ins Tor. Jubel auf den Rängen – 4:0 nach knappen 5 Minuten Spielzeit. Das allerdings konnten sich die Mannen um Kapitän und bestem Old Boys Spieler Leo *Hip- Hip* Führen (Wechselgerüchte fanden keine Bestätigung) nicht gefallen lassen waren sie doch nicht gekommen, um eine derbe Niederlage einzustreichen. Mangels technischer Fertig- und Fähigkeiten versuchten sie ihr Glück von nun an mit Zerstören und Foulspiel. Durchdachte und konstruktive Spielszenen waren fortan nicht zu sehen. Ganz anders die Mannschaft von United: Kurzpass, Außen, lange Bälle, Doppelpässe und Torchancen in Hülle und Fülle. Innerhalb dreißig Minuten lag United bereits mit 11:0 in Führung. Während Libero Bay noch recht ordentlich wirkte, machte Torhüter Krings das schlechteste Spiel seiner Karriere. Zig Fehlpässe, keine Bindung zu seinen Vorderleuten und betont lässige Spielweise (er lehnte des öfteren in bequemer Stellung am Pfosten) nährten sein Minuskonto. Sicher hätten ihn die Old Boys gerne ausgewechselt, doch da die Findungskommission (sog. Späher) bis zum Anstoß noch keinen geeigneten Ersatzmann präsentieren konnte, musste der Goalie bis zum bitteren Ende das Tor hüten. Das Spiel plätscherte anschließend mehr oder weniger dahin. In fünf Minutenabständen gelangen den TSV-Supportern nun ihre Tore. Mittelfeldmann Hach wusste mit den sich bietenden Möglichkeiten nur selten etwas anzufangen. So war es L. Führen und D. Courté vorbehalten je 1 Törchen zu erzielen. Letzterer wirkte ein wenig ob des Freundschaftsspiels erheitert und schien den Sinn nicht ganz verstanden zu haben. Die sehr späten Einwechslungen von Landgraf und Schmidt, die interessanterweise von United-Fans gefordert worden waren, brachten natürlich nichts mehr ein. Zu hoffnungslos war das Spiel der schwarz-gelb-quer-gestreiften Old Boys gegen die junge und dynamischen schwarz-gelb-längs-gestreiften United Kicker. Auffällig und unverständlich war jedoch die immer unfairer, aggressiver und brutaler werdende Spielweise der Oldies (insb. Courté), die natürlich nicht ohne Antwort blieb. Das ein oder andere Mal wurde nun auch auf Seiten von United kräftig und unsportlich hingelangt. In der letzten Spielminute leistete sich dann der bis dahin vollkommen unauffällige und untergegangene OAB-Stürmer Grandt das Foul des Tages. Mit ungefähr 30 Meter Anlauf semmelte er die kompl. Mannschaft des TSV, die gesamte Anhängerschaft, die Freibiertheke und das Außengerüst des Stadions um. Keine Ahnung was ihn dazu bewogen hat. War es Frust, Ärger oder das Eingeständnis spielerisch, konditionell und taktisch mit den Großen im Geschäft nicht mithalten zu können? Fazit: Unter Umständen hat dieses Benefizspiel der Alemannia etwas gebracht. Bleibt abzuwarten, ob die Boys-Kicker ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden und sich demnächst wieder auf Fußball konzentrieren. Weitere Begegnungen sind allerdings unablässig, allein mit diesem Spiel kann der Schaden nicht gut gemacht werden.

Dies ist die ureigene Sichtweise von Aixla

* Anmerkung: Einige Namen sind bekannt, andere nicht. Diese sind m.E. aber auch zweitrangig, weswegen ich mir die Erwähnung hier schenke.

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Anhang III …geschrieben von BigBandi aka Bernd R. Mentjes am 04.05.2001 (als Beitrag auf der Webseite des Internetstammtischs)

Das ist hier die Frage

Hintergrund: Die gemeinsame Aussprache von Verein und Fans anläßlich des stillen Fanprotests beim Heimspiel gegen Mainz 05. Ort des Treffs: VIP-Zelt an der Alemannia Geschäftsstelle. „Spiel oder nicht Spiel?“ – Das ist hier die Frage … Ob der gestrige Abend wie von Aixla als Spiel dargestellt werden kann, muss doch ernsthaft hinterfragt werden. Wurde überhaupt versucht zu spielen? Von beiden Seiten? Oder versuchte die Mannschaft, die auf den Sitzen vorne im Saal ihre Aufstellung genommen hatte, trotz gegenteiliger Ankündigung allzu oft den Ball zu verstecken und auf Zeit zu spielen? Wollte man von einem Spiel sprechen, so schien das ausgegebene Konzept der Vereinsoffiziellen auf das Einlullen der Gegner gerichtet zu sein. Hingegen konnte die Mannschaft der Fans fast einwechseln, wen sie wollte, nur selten stockte ihr Wille, das Geschehen mit spielerischen Mitteln fortzusetzen. In Betracht dieser Einschätzung scheint es mir sinnvoller, aus der sicherlich lustigen Spielberichtsdarstellung auszubrechen und aus der Welt des Bildhaften in die Realität zurückzukehren. „Was hat der gestrige Abend wirklich gebracht?“ Aus meiner Sicht war es vor allem wichtig, die Spieler der Alemannia aus der Diskussion herauszunehmen. Ob die Form des Schweigeprotests beim Mainz-Spiel für die Spieler förderlich war, darüber kann man sicherlich lange und ausdauernd streiten. Unstrittig aber ist, dass das Schweigen sich nicht die Spieler als primäres Zielobjekt auserkoren hatte, sondern die Offiziellen des Vereins, die in der Folge mehrmals in den Medien ihre Dialogbereitschaft kund getan sowie Fehler eingestanden hatten. Auch im Laufe des gestrigen Abends empfand ich das Eingeständnis von Fehlern gerade im Bereich der Außendarstellung und das Bekunden, möglichst viele konstruktive Anmerkungen in den verschiedensten Bereichen von den Fans annehmen und an den Kritikpunkten arbeiten zu wollen, nach den bisweilen harschen Tönen der Vergangenheit als sehr wohltuend. Auch wenn das eigentlich längst überfällig war, muss man dies auch als positiven Ansatz erkennen. Umso bedauerlicher sind allerdings meiner Meinung nach die Reaktionen auf Seiten der Offiziellen bei Nachfragen nach Konkretisierung angekündigter Verbesserungen. An dieser Stelle wirkte das Präsidium wie auch der Trainer einige Male überfordert, wenn nicht gar falsch oder zumindest völlig unzureichend vorbereitet. Offenbar hatte man mit der Hartnäckigkeit der Fans und dem zeitweise sehr peniblen Nachhaken in dieser Form nicht gerechnet. Hier kam viel zu wenig Konkretes an das Tageslicht, um die Fragesteller und das Publikum insgesamt wirklich zufrieden zu stellen. Eigentlich völlig unverständlich, nachdem doch 10.200 Menschen ihrem Protest Ausdruck verliehen hatten. Das Eingeständnis von Herrn Bay bereits zu Beginn der Veranstaltung, noch nicht einmal die Protestnote gelesen zu haben, war zudem mit Sicherheit nicht die geschickteste Art und Weise, auf die Fans zuzugehen. Dahinter mag vielleicht der Versuch gesteckt haben, den Protest der Fans auf die „geschlossenes-Forum“-Geschichte zu reduzieren und andere kritische Punkte bereits im Vorfeld auszublenden. Doch so einfach wurde es den Herren nicht gemacht. Im weiteren Verlauf wurde die Ungeschicklichkeit des Präsidiums noch durch den Vorwurf des Vizepräsidenten Dirk Courté an die anwesenden Fragesteller gesteigert, doch allzu häufig lediglich pauschale Verurteilungen vorzunehmen, nicht genügend zu differenzieren und somit den Dialog zu erschweren. Meines Erachtens erwies sich vielmehr das häufige Ausweichen, das gleichsam formelhafte Abspulen bereits mehrfach gehörter Floskeln, gelegentliche Fluchtexkurse in die Vereinshistorie und andere vergleichbare Ablenkungsmanöver als Hemmnis für eine offene Diskussion und eine tiefere Auseinandersetzung mit den kritisierten Punkten. Fazit: Man muss bezweifeln, dass in der sachlichen Auseinandersetzung beim gestrigen Abend ein tatsächlicher Fortschritt erreicht wurde. Sehr wohl sehe ich ein kleines Ergebnis auf einer völlig anderen Ebene: Im Gegensatz zu vielen Fantreffs zuvor ließen und lassen sich die Fans nicht mehr hinhalten. Auch wenn sie wissen, dass nicht alles öffentlich gemacht werden kann und darf, erwarten sie eine bessere Informationspolitik und eine angemessene Behandlung ihrer Interessen und Sorgen über ein oberflächliches Maß hinaus. In diesem Sinne dürfte das gestrige Fantreffen nicht das letzte Tacheles-Gespräch gewesen sein.

Dies ist die ureigene Sichtweise von BigBandi

Kommentare: 1 Kommentar

Ein Kommentar zu “Die Alemannia-Doku, Teil 3”

  1. sehr schöne und gut beschriebene seite.

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