Die Alemannia-Doku, Teil 11

Teil 11: Alemannia 2000 – zwischen Wahnsinn und Genie von Axel Schaffrath

· 03/04 Die Bayern am Tivoli – das Spiel des „Jahrzehnts“
· 03/04 Zurück im Ligaalltag
· 03/04 Das Endspiel: Schwarz gelbe Wand gegen Kugelblitz

Die Bayern am Tivoli – das Spiel des „Jahrzehnts“

Das Spektakel gegen die großen Bayern überdeckte alles im Vorfeld, die Ankündigung Karen nur an Dauerkarteninhaber und an Mitglieder zu verkaufen führte zu einer wahren Mitglieder- und Dauerkartenschwemme. Leider musste erst noch die unangenehme Aufgabe Wacker Burghausen zu Hause erledigt werden und das ging erst mal schief, mit 0-1 ging die Generalprobe daneben. Danach rätselten viele Fans und Alemannia Freunde auf typisch rheinisch pessimistische Art wie hoch das Spiel verloren gehen würde, wie respektvoll man sich denn wohl aus der Affäre ziehen könnte. Nur Erik Meijer stellte in einem Interview klar, dass er bis jetzt alle seinen Heimspiele gegen Bayern München gewonnen habe und nicht beabsichtigte diese Serie reißen zu lassen. In der Liga waren die Bayern jedenfalls ein wenig außer Tritt geraten und lagen nur auf dem dritten Tabellenplatz – so wagte ein einzelner Fan den Tipp: wir gewinnen 2-1. Nun denn, mitleidiges Lächeln war ihm sicher…

Live und in Farbe, das ZDF hatte extra Kameras über der Haupttribüne in Stellung gebracht und ein ungeheures Medieninteresse beherrschte die Stimmung vor dem Spiel. Noch heute laufen mir kalte Schauer über den Rücken wen ich an die Minuten vor dem Spiel denke – es war eine Wahnsinnsatmosphäre! Wunderkerzen, laute Gesänge und selbst der Kaiser zeigte sich als Co Kommentator schwer beeindruckt. Alemannia leget los wie die Feuerwehr und beeindruckte mit einem unglaublichen Tempokombinationsfußball, der die Bayern ein ums andere Mal in arge Bedrängnis brachte. Eine Krontiris Chance konnte Kahn gerade noch reaktionsschnell abwehren, andere wurden knapp vergeben. Dann fasste sich Stefan Blank plötzlich ein Herz und hämmerte nach einem Querpass von Ivo Grilc einfach mal aufs Tor, der Ball zischte von ungläubigen Staunen begleitet wie ein Strich in den Winkel und der ebenfalls überrascht Ollie Kahn machte erst einen Schritt in die falsche Richtung um dann chancenlos dem Ball hinterher zu segeln – drin!!!!! Unglaublich, was für ein Jubel, was für eine Stimmung! Sollte es tatsächlich möglich sein?

Die Antwort gaben die Bayern auf ihrer typische Art und Weise, kurz vor der Pause tauchten sie einmal gefährlich vor dem Aachener Tor auf und da war Ballack plötzlich frei und köpfte den Ausgleich – ein echter Euphorie Killer! So ging es in die Pause, durchatmen, eine tolle erste Hälfte, jetzt nicht nachlassen und weiter Druck machen. Der Kaiser war in der Pause skeptisch, er mäkelte am Spiel seiner Bayern rum und lobte die Aachener! Na wenn es der Kaiser sagt… Es war ein dichtes Spiel in der zweiten Halbzeit, gegen Ende der Spielzeit hatten sich die Alemannen müde gelaufen und die Bayern gewannen langsam die Oberhand. Dann tankte sich Bachirou Salou auf rechts durch und legte zurück auf Paulus, der mustergültig in die Mitte flankte, dort schraubte sich Erik Meijer hoch und köpfte unhaltbar zur erneuten Führung ein – unfassbar. Die Bayern wechselten noch mehr Stürmer ein und es folgten bange Minuten. Das Publikum stand sensationell hinter dem Team und jede Ballberührung von Torwart Stefan Straub wurde frenetisch gefeiert! Es waren endlose 10 Minuten aber dann war er endlich da, der Schlusspfiff!

Bayern, der Titelverteidiger und Rekordpokalsieger raus und Aachen weiter – unglaublich! Erik Meijer sah nach dem Schlusspfiff aus wie ein Preisboxer und widmete den Sieg seinem erkrankten Vater. Es folgte ein Aufatmen, Luft holen und die unglaublich Flut an Glückwünschen aus ganz Deutschland entgegen zu nehmen, da zog der Kaiser das nächste Traumlos: Gladbach kommt zum Halbfinale an den Tivoli! (Ich habe mir die DVD von dem Spiel schon unzählige Male angeschaut, immer begleitet von dem ungläubigen Kopfschütteln meiner Frau „das hast Du doch schon x-mal gesehen und kennst du doch auswendig, du weißt in jeder Sekunde was als nächstes passiert und beim Spiel warst du auch dabei“ aber von dem Spiel kann ich einfach nicht genug bekommen…)

Zurück im Ligaalltag

Am Sonntag drauf ging es nach Mainz und eine euphorische Menge schwarz gelber Fans kam mit an den Bruchweg und erlebte zunächst einen weiteren Höhenflug in der ersten Halbzeit. Alemannia kontrollierte das Spiel, konterte mit dem heftigen Wind im Rücken clever und ging durch Salou und Krontiris verdient mit 2-0 in Führung. Ich hörte mich selber sagen: „Endlich rollt der Ball mal komplett in Alemannia Richtung“ – zu früh geprahlt! Die Mainzer kamen aus der Kabine und erzielten das 1-2, dann fälschte Bediako unglücklich ins eigene Netz ab und Straub legte Auer (!) im Strafraum, Elfmeter und schon stand es 3-2. So ging dieses Spiel verloren und der TSV war auf dem Boden der Tatsachen zurück! Noch härter schlug die Mannschaft dann im nächsten Spiel auf, zu Hause wurde in einem chaotischen Spiel gegen Energie Cottbus mit 0-2 verloren und zu allem Überfluss sah Stefan Blank auch noch die rote Karte nach einem „brutalo“ Foul. Drei Niederlagen in Serie hatten die Euphorie erst einmal wieder mächtig eingefroren. Karnevalssonntag gelang in absolut miesem Wetter dann endlich wieder ein Sieg mit 1-0 im Erzgebirge (Aue) und da die anderen Mannschaften sich nicht wirklich absetzen konnten war der TSV wieder dran, Spitzenreiter nach diesem Spieltag war übrigens Rot Weiß Oberhausen (!). Ein müdes 0-0 gegen Greuther Fürth und eine total unnötige Niederlage in Duisburg ließen die Alemannia weiter taumeln, allerdings gelang dann 3 Tage vor dem Pokal Halbfinale ein verdienter 3-1 Sieg zu Hause gegen den VfB Lübeck, die auch noch im Pokal mitmischten.

Dann kam das heißersehnte Pokalderby gegen die mehr als ungeliebten Bauernnachbarn auf dem Tivoli. Es war eins dieser Spiele dass die Erwatungen in keiner Weise erfüllen konnte – zunächst beherrschten die Bauern das Spiel und auch auf den Rängen waren sie klar überlegen. Dann schnappte sich Ivo Grilc die Kugel zum Freistoss aus aussichtsreicher Position und ihm gelang ein wahrer Kunstschuss außen um die Mauer herum. Zur Verblüffung aller im Stadion zappelte der Ball plötzlich im Netz und Aachen führt 1-0. Das war die Inititalzündung für die Kulisse und nun waren auch die Aachener Fans wieder „Herr im eigenen Haus“. In der zweiten Hz drückte Gladbach zwar mit Macht aber eher einfallslos während die Alemannen beste Konterchancen „verschluderten“. In der hektischen Schlussphase hatte dann George Mbwando seinen Pokalauftritt Nummer 1: Er lenkte eine Flanke in bester Handballmanier in Richtung Ecke, das ganze Stadion hat es gesehen nur der Schiedsrichter und sein Assistent standen „unglücklich“! Es blieb beim 1-0 und der TSV zog zum dritten Mal in seiner Vereinsgeschichte ins Pokalfinale ein – Gegner war der kommende deutsche Meister Werder Bremen, der sich in einem wahren Krimi gegen den VfB Lübeck erst nach Verlängerung durchgesetzt hatte.

Am Sonntag drauf ging es nach Unterhaching und dort konnten am Ende 10 Alemannen (Kalla Pflipsen hatte sich verletzt nachdem schon 3 mal ausgewechselt worden war) nur ein 1-1 holen, immerhin hatte Alemannia durch die schwächelnde Konkurrenz wieder Anschluss an die Aufstiegsränge hergestellt. Ein glanzloser Sieg gegen Regensburg, ein unnötiges 3-3 in Trier und ein hart erkämpfter Sieg gegen Union Berlin ließen Alemannia weiter oben dran bleiben. Dann kamen zwei Montagsspiele gegen Bielefeld und Nürnberg die beide relativ chancenlos mit 0-3 verloren gingen. Nach einem 2-1 gegen Osnabrück war Alemannia erstaunlicher Weise immer noch im Aufstiegsrennen und es kam zu einem echten „Showdown“ um Platz 3 am Montag in Oberhausen. Dort war eine wahre Öcher Kolonie angereist, die aber erst nach der Pause Grund zum Jubeln hatte. Stefan Blank drehte mit zwei Treffern die Partie und Alemannia war zurück auf einem Aufstiegsplatz. Einziger Wehrmutstropfen war die gelb rote Karte von Kalla Pflipsen, der nun gegen Ahlen zuschauen musste.

Schnelle Rechner hatten schon ausgemacht dass ein Sieg gegen Ahlen den Aufstieg bedeuten könnte – bei entsprechenden Ergebnissen der Konkurrenten Mainz und Cottbus. Ich werde den Tag nicht vergessen: Wir begannen wie bei der Vorbereitung auf das Bayern Spiel, extra wurde im Quellenhof für die Alemannia Fans die Elefanten Bar geöffnet. Dann ins Stadion wo eine nervöse, angespannte Atmosphäre herrschte. Die sportliche Leitung hatte angeordnet keine Ergebnisse von anderen Plätzen durchzusagen – eine eher fragwürdige Entscheidung. Die erste Halbzeit plätscherte dahin, nervöse Aachener die nicht in Ahlener Konter laufen wollten und passive Ahlener, die nur an gelegentlichen Kontern und hauptsächlich am zerstören des Aachener Spiels interessiert waren. Mitte der ersten Hz kam endlich auch mehr Unterstützung von den Rängen und Alemannia erspielte sich erste Chancen. Dann kam der Konter den alle befürchteten und Ahlen ging 1-0 in Führung, so ging es auch in die Pause. Erst als man sich auf Seiten der Verantwortlichen entschloss doch die Spielstände der anderen beiden Partien durchzugeben, explodierte die Stimmung und auch das Spiel. Ein Sieg und Aachen war in der Bundesliga! Alemannia drückte jetzt vehement und hatte mehrer gute Chancen, dann gelang Salou erst mal der Ausgleich! Aachen drückte, Ahlen konterte und hatte in der Schlussphase zweimal die Riesenchance das Spiel zu gewinnen: Straub hält einen Elfer und rette dann auch noch heldenhaft gegen einen allein vor ihm auftauchenden Ahlener. Auf der anderen Seite wollte der Ball einfach nicht ins Tor und es blieb beim 1-1 – die Riesenchance zum Aufstieg war verpasst! Aber es blieb ja noch das Spiel in Karlsruhe. Nun ich mache es kurz, trotz einer schwarz gelben Invasion (es sollen über 12.000 Alemannia Fans dagewesen sein) blieb der TSV in diesem Endspiel blass und verlor mit 0-1, Mainz nahm die Chance dankbar an und stieg nach zwei gescheiterten „Last Minute“ Versuchen in die erste Liga auf. Aber es gab ja noch das Pokalfinale in Berlin!

Schwarz gelbe Wand gegen Kugelblitz

Schon am Tag vor dem Endspiel waren in der Berliner Tagesatmosphäre die Farben schwarz gelb und grün weiß mehr als deutlich sichtbar. Mehr als 22.000 Alemannia Fans machten sich zum Endspiel nach Berlin auf und sorgten für einen beeindruckenden Rahmen und eine tolle Unterstützung für Ihre Mannschaft. Die Kurve war schon vor Anpfiff gut und lautstark besetzt – „eine geile Kurve für eine geile Mannschaft“
Der Stimmung tat es keinen Abbruch dass sich Alemannia in der ersten Halbzeit zwei dumme Fehler leistete und mit 0-2 in Rückstand geriet, als die Spieler nach der Pause wieder den Rasen betraten gaben erst mal die Alemannia Fans auf den Rängen alles, sie feuerten ihr Team ohne Unterbrechung pausenlos an.

Getragen von dieser Unterstützung übernahm der Zweitligist auch auf dem Rasen das Kommando und kam durch Stefan Blank nach einem Grilc Freistoß zum viel um jubelten Anschlusstor. Der TSV drückte mächtig auf den Ausgleich und öffnete so den Raum für Bremer Konter, allerdings war der Bremer Kugelblitz Ailton bei Alex Klitzpera in guten Händen. Der Schiedsrichter Fandl hatte wohl schon seine eigene Meinung zum Spielausgang, jedenfalls versagte er Alemannia einen sehr möglichen Elfmeter (Ismael gegen Grilc) und zeigte sich auch sonst sehr kleinlich den Aachenern gegenüber. Nachdem Stefan Blank den möglichen Ausgleich per Volleyabnahme knapp verpasste lief der TSV in einen schnellen Konter der Bremer den Mwbando per Grätsche an der Seiteauslinie kurz hinter der Mittellinie verhindern wollte, er kam zu spät und es sah nach einem spektakulären Foul aus. Fandl blieb seiner harten Linie gegen Alemannia treu und zückte die rote Karte, was zu unglaublich heftigen Protesten sowohl der gesamten Verantwortlichen als auch der Fans führte. Es half nix, George musste vom Platz, Fandl hatte seinen „Ehrenplatz“ in der Ahnengalerie der in Aachen am meisten gehassten Schiedsrichter sicher, Bremen erzielte das 3-1, das 3-2 durch Erik Meijer mit dem Schlusspfiff war leider nur noch Ergebniskorrektur. Es blieb nur noch diese eigentlich sensationelle Saison mit unglücklichen Ausgang zu feiern (nie werde ich vergessen wie sich gegen 1:30 Herr Fandl plötzlich neben uns niederließ um einen Kaffe zu trinken ;-)) und das bis sehr früh morgens. Je näher der Morgen rückte umso mehr baute sich die Freude über den kommenden UEFA Cup auf und der wurde vorsorglich schon mal anständig begossen!

Fortsetzung am 09. Januar, 10:00 Uhr

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