Die Alemannia-Doku, Teil 14

Teil 14: Alemannia 2000 – zwischen Wahnsinn und Genie von Axel Schaffrath

· 06/07 Erste Liga – ein Wettbewerb dem Alemannia nicht gewachsen ist?

Erste Liga – ein Wettbewerb dem Alemannia nicht gewachsen ist?

Das bekamen auch die Verantwortlichen Dieter Hecking und Jörg Schmadtke zu spüren. Hatten sie eh schon eine schwierige Aufgabe den Abgang der beiden Tivoli Lieblinge Erik Meijer und Willi Landgraf zu verkraften, mischten sich plötzlich die Verantwortlichen mehr und mehr in die Saisonplanung ein. Geplante Transfers platzen weil die „Aufseher“ ein Veto einlegten und es kam auch zwischen den beiden zu ersten Differenzen in der Frage der sportlichen Richtung. Vor allem bei der Personalie Jan Schlaudraff waren die beiden sich uneins. Als Verstärkung holte man mit Mathias Lehmann einen talentierten defensiven Mittelfeldspieler, mit Leiwakabessy eine niederländische Landgraf Kopie und mit Nico Herzig einen Innenverteidiger. Aus Frankreich kam ein relativ unbekannter bosnischer Knipser mit augenscheinlich großem Potenzial nach Aachen, Vedad Ibisevic. Irgendwo entdeckte Jörg Schmadtke auch den exellenten Fußballspieler Szilard Nemeth, immerhin slowakischer Nationalstürmer. Jan Schlaudraff bekam eine Vertragsanpassung und ging nicht zu Eintracht Frankfurt, was Jörg Schmadtke nicht so 100%ig gefiel. Sollte das für die erste Liga reichen? Die Experten zweifelten stark an der Wettbewerbsfähigkeit der Mannschaft und Alemannia Aachen war trotz der relativ souveränen Zeitligasaison für viele ein sicherer Absteiger.

Die Ausgliederung wurde in der Hauptversammlung vor der Saison auf den Weg gebracht, allerdings überraschte es etwas dass die Verantwortlichen weder Jörg Schmadtke noch Bernd Maas als Geschäftsführer der neuen GmbH präsentierten. Alemannia Aachen war jetzt kein Verein mehr sondern eine Kapitalgesellschaft – es gab großmundige Versprechungen von „Professionalität“ und „Kompetenzen“ die man sich nun von außen holen wollte. Ein Aufsichtsrat wurde auch gewählt, allerdings waren hier noch keine wirklich neuen Gesichter zu sehen. Aufsichtsratvorsitzender wurde nicht der Präsident der Alemannia sondern Prof. Helmut Breuer, der als zweiter Gesellschafter neben dem Verein fungierte. (Eigentlich sollte er nach kurzer Zeit wieder ausscheiden, ist aber heute noch Gesellschafter…)

Dass in der ersten Liga ein anderer Wind herrscht bekam der TSV gleich im ersten Spiel vor Augen geführt. Mit 0-3 ging das Spiel in der Bay Arena gegen Vizekusen deutlich verloren, und dass trotz gut 3.500 mitgereisten euphorischen Fans, die ihre absolute Erstligatauglichkeit schon lange vor dem Spiel bewiesen! Nach langer Zeit kam auch Stephan Straub wieder zum Einsatz im Aleamnnia Tor, Christian Nicht leistete sich ein Handspiel ausserhalb des Strafraumes, kassierte rot und leitete damit die Niederlage ein! Nach einer Woche Aufarbeitung dieser zaghaften Vorstellung versprach Coach Hecking eine andere Truppe im Heimspiel gegen Schalke 04 auf den Platz zu schicken. Die Namen waren zwar fast identisch aber es ging ganz anders zur Sache. Zwar zeigte sich auch in diesem Spiel eine relative Unerfahrenheit – vor allem beim Gegentreffer- aber der TSV bot den Schalkern deutlich besser Paroli und hatte durchaus Chancen das Spiel erfolgreich zu beenden. Zwei Spiele, null Punkte null Tore und relative Ernüchterung – der Wind in Aachen wurde schnell rau! Ausgerechnet in Hannover beim alten „Nemesis“ Peter Neururer gelang ein überzeugender 3-0 Sieg, einer der sich dann als Phyrussieg herausstellte! Der rührige Hannover 96 Präsident und Macher Kind warf „Peter den Großen“ (Schwätzer) raus und warb unverholen um Dieter Hecking, das nicht nur mitten in der Saison sondern auch noch bei einem Ligakonkurrenten!

Im Duo Hecking/Schmadtke schlugen nun heftige Funken und nach kurzer aber heftiger Debatte verabschiedete sich Dieter Hals über Kopf aus Aachen (offiziell hieß es gegen Zahlung einer Ablösesumme), auch eine Affäre auf der Geschäftstelle und ein Ultimatum seiner Frau sollen eine Rolle gespielt haben. Wilde Spekulationen und klangvolle Namen machten die Runde wer denn nun neuer Trainer beim TSV Alemannia Aachen werden würde. Es wurde – mir stockt jetzt noch der Atem – Michael Frontzeck! Dieser Name war eine absolute Bombe – ein Trainer von der Couch und völlig unerfahren. Dazu noch ein Mönchengladbacher Urgestein wie er im Bilderbuch steht – nicht nur mir drehte sich der Magen um! Dazu auch noch direkt das Duell gegen den mehr als ungeliebten Nachbarn vor der Tür – ein Spiel und schon könnte in Aachen eine Bombe platzen. Nicht ungeschickt milderte Jörg Schmadtke den Aufschrei in Aachen mit der Ankündigung dass Erik Meijer als Co Trainer fungieren würde. Erik war so populär dass er Frontzeck’s negativ Image fast in den Schatten stellte. Gegen Gladbach gab es einen verdienten Heimsieg (4-2) mit einer tollen Vorstellung von Jan Schlaudraff und gleich danach verewigte sich MF in die Herzen der Alemannia Fans mit kernigen Sprüchen („dann tret ich ihn innen Arsch“) über den schnellen Jan, der fortan als Reizfigur nicht nur in der sportlichen Leitung unterwegs war.

Es folgte ein Besuch bei den großen Bayern und auf den Wiesn. Lautstark unterstützt von über 5.000 mitgereisten Fans hatten die Alemannen die Bayern wieder am Rande einer Niederlage, nur durch tatkräftige Mithilfe des Schiedsrichtergespannes gelang den Bayern ein äußerst schmeichelhaftes 2-1 (der Ausgleich der Bayern war absolut regelwidrig, der vermeintliche Ausgleich der Aachener absolut regelkonform). Egal, im nächsten Spiel am Tivoli machte Bochum zwar die Partie aber der TSV gewann 2-1 und hatte sich erst mal mit 9 Punkten oben in der Tabelle angesiedelt, nur einen Punkt hinter dem Spitzenreiter Hertha BSC auf Platz 6. Durch das Freitagsspiel in Mainz bestand die Chance zumindest für eine Nacht ganz oben in der Tabelle zu stehen – sie wurde genutzt. Mit 3-1 stürmte der TSV das Stadion am Bruchweg und war eine Nacht lang ganz oben! Die harte Realität holte den TSV schnell wieder ein: Mit 1-2 gab es gegen Cottbus eine höchst vermeidbare Heimpleite und mit 1-5 setzte es dann auf der Alm die erste deftige „Klatsche“. Gegen den VfB, der in den letzten Spielen stark aufgekommen war hatte der TSV daheim nichts zu bestellen, in einem tollen Tempoangriffsspektakel setzte es ein 2-4 Niederlage.

Dann kam der Auftritt in Dortmund, vor fast 70.000 Zuschauern musste Jan Schlaudraff auf die Tribüne (Denkpause) und Aachen bot einen zähen Abwehrriegel auf. Christian Nicht hielt sensationell wenn es gefragt war und die Null stand. Leider war Chrsitian Fiel mutterseelenallein im Dortmunder Strafraum so überrascht dass er einen klassischen“Lufttritt“ produzierte und so den möglichen Sieg verschenkte. Egal ein Punkt war auch was in diesem tollen Stadion, schließlich spielt Alemannia nicht ständig vor 70.000 Zuschauern. Zwei Heimspiele folgten, zwei weitere Unentschieden ebenfalls. Das gegen Nürnberg war glücklich, das gegen Bremen höchst unglücklich (mit einem Sensationstor von Jan Schlaudraff)! Bei der Niederlage gegen Hertha in Berlin hatten Christian Nicht und der Schiri einen Black Out, Nicht beim Ausflug im Strafraum der das 1-2 produzierte, der Schiri als er Aachen kurz vor Schluss bei einem üblen Foul von Simunic (der bei der WM als erster Spieler überhaupt 3 gelbe Karten in einem Spiel kassiert hatte) an Rösler im Strafraum den fälligen Elfmeter verweigerte. Sascha Rösler brach sich das Bein bei der Aktion und fiel lange aus. Eine höchst überflüssige Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt ließ Aachen wieder gefährlich nahe an die Abstiegsränge rutschen, ein unerwarteter Auswärtstsieg in Wolfsburg verschaffte dann etwas Luft.

Das letzte Ligaspiel des Jahres war dann noch mal ein echter Knaller – ein Spiel der echten Marke „Tivoli“. Der HSV hatte eine Seuchenserie gespielt und steckte tief im Keller. Nur ein Sieg in 16 Spielen und ganz unten drin, eine komplett verunsicherte Truppe mit einem noch mehr verunsicherten Trainer Doll. Bei typischen Tivoliwetter (strömender Regen) hielten beide Mannschaften voll drauf und spielten kompromisslos nach vorne! Es gab Chancen im Minutentakt hüben wie drüben, die Torhüter hatten Schwerstarbeit zu leisten. Die Abwehrreihen schienen nicht existent zu sein und so war es ein Wunder dass der HSV zur Pause nur 1-0 führte, es hätte auch 7-4 oder 3-3 stehen können. Nach der Pause ging es munter weiter mit dem Offensivspektakel, allein die Torausbeute ließ zu wünschen übrig. Als Alex Klitzpera sich selbst zum Mittelstürmer unfunktionierte wurde er im Strafraum klar gelegt und den fälligen Elfer verwandelte Reghe sicher zum 1-1. Danach übernahm der HSV das Kommando wieder und ging völlig verdient mit 3-1 in Führung. Alemannia steckte nicht auf und kam durch Fielo zum 2-3 Anschluss, setzte danach alles auf eine Karte und drängte mit Macht auf den Ausgleich. Der Tivoli – ohnehin kein Ort der Ruhe – glich jetzt einem absoluten Tollhaus und peitschte die Alemannia nach vorne. Die sich zwangsweise ergebenden Konterchancen vergaben die Hamburger alle mehr oder weniger kläglich und Bastian Reinhard setzte dem HSV mit Pech und Unvermögen noch einen „krönenden“ Abschluss obendrauf – mit der allerletzten Aktion köpfte er beherzt eine Flanke von Jan Schlaudraff zum Verdutzen aller Beteiligten völlig unbedrängt ganz sauber im Stile eines Klassetorhüters ins eigene Tor zum nicht mehr für möglich gehaltenen 3-3 Endstand! Man brauchte ein paar Minuten um sich von diesem Spektakel zu erholen.

Dann kam das Spiel das letztendlich wohl den Grundstein für die „Selbstzerstörung“ in der Rückrunde legen sollte, kurz vorm Weihnachtsfest kamen erneut die Bayern zum Tivoli zu einem Pokalspiel. Die Bayern hatten noch eine Rechnung am Tivoli zu begleichen und traten als zweimaliger Double Gewinner in Folge in Aachen an – die letzte Pokalniederlage gab es in Aachen…

Mit Michael Rensing im Tor hatten die Bayern noch kein Spiel verloren und natürlich herrschte große Skepsis im Umfeld ob der TSV das sensationelle Ergebnis von vor zwei Jahren wiederholen könnte, schließlich besiegt man die Bayern nicht so häufig. Es kam ganz anders: Vor der Pause düpierte Alemannia dem Rekordmeister mit beeindruckenden Tempo- und Konterfußball, mit einem entfesselt aufspielenden Laurentiu Rehecampf ging der TSV noch vor der Pause 3-0 in Führung (ein fantastsicher Freistoß zum 2-0) – den Fans und Fernsehzuschauern bot sich ein absolut bedienter Uli Hoeness auf der Bayern Bank! Dabei hatten die Aachener noch Pech als der Alemannia Freund Fandl einem regulären Treffer von Vedad Ibisevic die Anerkennung verweigerte!

Man kann sich die Stimmung in der Halbzeitpause bei den Bayern lebhaft vorstellen, es muss geradezu köstlich gewesen sein nebenan zu lauschen. Der Rekordmeister kam jedenfalls mit grimmigen Mienen zurück auf den Rasen und wechselten Lukas Podolski ein, der dann direkt zum Anschlusstreffer traf. Bayern erhöhte massiv den Druck und kam nicht unerwartet durch einen van Bommel Weitschuss zum 2-3. Jetzt musste man schon Angst bekommen, denn die Überlegenheit der Bayern war extrem. Mit viel Glück, Können und einigermaßen großem Bayern – Unvermögen vor dem Tor überstand Alemannia diese Phase des Spiels unbeschadet. Immer wieder setzte Jan Schlaudraff bei Kontern „Nadelstiche“ bis er dann den „Deckel“ drauf machte, ein fantastisches Solo über der ganzen Platz schloss er in unwiderstehlicher Manier mit dem 4-2 Siegtreffer ab und weckte damit bei den Bayern Begehrlichkeiten. Gerüchte gab es schon vorher, aber nach dem Spiel war es offensichtlich dass Jan nach München wechseln würde! Aber erst mal hieß es diesen Sieg auszukosten und ein bisschen zu feiern – allerdings konnte die Party nicht an die Siegesfeier nach dem ersten Triumph anschließen.

Fortsetzung am 12. Januar, 10:00 Uhr

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