Die Alemannia-Doku, Teil 16

Teil 16: Alemannia 2000 – zwischen Wahnsinn und Genie von Axel Schaffrath

· 07/08 Neuanfang mit Weltmeister und indiskutablen Leistungen
· 07/08 Seeberger übernimmt

Neuanfang mit Weltmeister und indiskutablen Leistungen

Die Abstiegsdepression hatte einige Nachwehen und bedeutete auch den Neuaufbau der Mannschaft. Vor allem aber musste ein neuer Trainer gefunden werden. Namen gab es genug und schnell kristallisierte sich ein Favorit heraus: Der ehemalige Weltmeister Guido „Diego“ Buchwald kam mit der Empfehlung von zwei gewonnen Double Titeln in der J-League nach Aachen. Nur am Rande wurde notiert dass der Oberbürgermeister Jürgen Linden nun als Aufsichtsratsvorsitzender fungieren würde und dass der Stadionneubau an der Krefelder Straße konkrete Formen annahm.

Aus der Abstiegsmannschaft verließen zunächst neben Jan Schlaudraff und Sascha Dum auch Sascha Rösler, Emil Noll, Sergio Pinto, Moses Sichone und Mathias Heidrich den Verein (eigentlich muss es die GmbH heißen). Dann kam noch Vedad Ibisevic kurz vor Saisonbeginn hinzu, der Dank einer Ausstiegsklausel zum Aufsteiger TSG Hoffenheim wechslen konnte. Als Neuzugänge gab es eine Reihe von neuen Namen zu vermelden: Lubos Pecka und Todor Kolev im Angriff, Patrick Milchraum, Jerome Polenz und Pekka Lagerblom im Mittelfeld sowie Hrvoje Vukovic und Benjamin Weigelt in der Abwehr. Als dritter Torwart wurde Thorsten Stuckmann geholt. Kritiker sprachen hier schon davon dass einige Spieler von der sportlichen Leitung weder gescoutet noch beobachtet wurden.

Eigentlich war die Aussicht oben mitspielen zu können und das Unternehmen „Wiederaufstieg“ in Angriff zu nehmen nach erfolgreicher Vorbereitung ganz gut. Auch im ersten Saisonspiel gegen Carl Zeiss Jena legte Alemannia’s neue Mannschaft los wie die Feuerwehr und schon nach 6 Minuten stand es 2-0. Dann gab es plötzlich und unerklärlich einen Bruch im Spiel, nach einem Eckball erzielte Jena den Anschluß und die Alemannia Herrlichkeit war dahin. Mit zunehmender Spieldauer tat sich Aachen schwerer und so kam was kommen musste – Jena schaffte den Ausgleich und sorgte für ratlose und enttäuschte Gesichter in Aachen! Zwar gewann Aachen das emotional wichtige Spiel in Köln und auch gegen Offenbach gab es einen (wenn auch glücklichen) „Dreier“, aber es war Sand im Getriebe des TSV. Eine deutliche 3-0 Klatsche beim Aufsteiger Wehen Wiesbaden sorgte noch für Nachdenklichkeit, einem trostlosen 0-0 daheim gegen1860 München folgte eine sang und klanglose 0-2 Niederlage in Fürth. Ein zorniger Jörg Schmadtke offenbarte mit seiner schonungslosen Kritik was jeder in Aachen spürte: Die Chemie zwischen dem Schwaben Guido, dem Team und dem Manager stimmte ganz und gar nicht!

Zwar stimmte die Punktausbeute einigermaßen, aber die spielerische Leistung der Mannschaft war von wenigen Ausnahmen abgesehen(2-0 gegen Freiburg, 3-2 gegen Bochum im Pokal) sehr dürftig. Nach dem 2-2 zu Hause gegen den – zugegeben spielerisch sehr starken – Aufsteiger Hoffenheim folgten eine Serie von leblosen Auftritten (1-2 in Aue, 2-1 gegen Kaiserslautern) die in einer trostlosen Vorstellung in Augsburg gipfelte. Nicht einen einzigen Schuss auf das Augsburger Tor gaben die Tivoli Kicker ab! Die Stimmung war in der Zwischenzeit so massiv gegen Guido gewachsen dass es nur konsequent erschien, Buchwald nach diesem Spiel zu entlassen. Schmadtke übernahm bis zum Ende der Hinserie selbst das Traineramt und musste zunächst eine herbe 0-3 Heimniederlage gegen Mainz einstecken, dann folgte ein eher mageres 2-2 gegen den Aufsteiger St. Pauli gefolgt von einem glücklichen Punktgewinn in Koblenz (0-0), so ging man mit 21 Punkten in die Winterpause.

Seeberger übernimmt

Ein in Deutschland eher unbekannter Trainer namens Jürgen Seeberger wurde in der Winterpause verpflichtet, aus Freiburg kam der Innenverteidiger Olajengbesi um die unerklärliche Abwehrschwäche bei Standards zu beseitigen. Seeberger galt als Konzepttrainer der es mit dem FC Winterthur in der Schweiz bis in die erste Liga gebracht hatte.

Sein Einstand war kurios, es gab vier mal ein 3-2 in den ersten fünf Spielen. Als erstes die denkwürdige Pokalniederlage gegen 1860 München auf dem Tivoli, 80 Minuten hatten die 60er das Spiel eigentlich beherrscht und Alemannia führte mit 2-0. Als sich alles auf ein Weiterkommen eingerichtet hatte und auch schon Rainer Plaßhenrich nach langer Verletzungspause eingewechselt worden war, schlugen die 60er innerhalb von 7 Minuten zu und besiegten Aachen mit 3-2. Umgekehrtes Bild im nächsten Spiel: Aachen war spielbestimmend geriet zweimal in Rückstand, drehte das Spiel aber durch zwei Tore in 7 Minuten. Kurz vor Schluß knallte Jan Simak, spektakulärer Neuzugang der Jenenser den Ball an die Latte des Aachener Tores, doch es blieb beim Auswärtssieg. Im Derby gegen den 1. FC Köln gab es dann noch einmal zu bestaunen was es seither nicht mehr gibt: Alemannia gewinnt ein Spiel nach einem Rückstand. Mit einer überzeugenden, engagierten Leistung wurden die Cöllner auch im zweiten Aufeinandertreffen besiegt (3-2). Aber schon der nächste Auftritt in Offenbach war ein Rückfall in schlechte Zeiten, mit minimalem spielerischem Aufwand gelang ein überaus glückliches 1-1.

Auch die nächsten drei Auftritte waren mehr als enttäuschend, auf dem Tivoli gegen Wehen 2-3, in München in einem absolut langweiligen Spiel 0-0 und dann eine deftige Klatsche zu Hause gegen Greuther Fürth (2-5). Die Ära Seeberger war vor allem durch eins geprägt: Immer wenn man dachte seine Zeit ist abgelaufen und es geht nicht mehr weiter dann ging es unerklärlicherweise wieder bergauf. Es folgte ein glückliches 1-0 beim späteren Absteiger Paderborn, ein 1-1 gegen die Bauern auf dem Tivoli, eine Niederlage im Breisgau (0-1) und ein Sieg gegen Osnabrück. Dann ging es nach Hoffenheim, das die Rückrunde mit 10 Siegen in Folge begonnen hatten und mittlerweile ein echter Aufstiegskandidaten war – dort zeigte Alemannia ein absolut starkes Spiel und besiegte die Hoffenheimer mit 2-1. Wer allerdings darauf baute, dass dies der Durchbruch zum tollen Systemfußball war, der wurde schnell eines besseren belehrt. Schon drei Tage später gab es ein unglaublich schlechtes Spiel gegen den designierten Absteiger Aue das mit einem völlig unverdienten Sieg des TSV endete (1-0) – dass es aber noch schlechter geht beweisen Aachener im nächsten Spiel auf dem Betzenberg. Immerhin kann man dieses Spiel als freundliche Hilfe für einen anderen Traditionsverein verbuchen – ein Sieg der Alemannia hätte die roten Teufel an den Rande des Abstiegs und der damit verbundenen Insolvenz gebracht. Es folgten drei weitere Siege (den Mainzern wurde der Aufstieg vermasselt) und ein eher peinliches 1-3 im letzten Spiel gegen die TuS aus Koblenz. Immerhin stimmte unter dem Strich die Punktausbeute, 30 Punkte in der Rückrunde ließen auf eine erfolgreichere nächste Saison hoffen, die letzte im altehrwürdigen Tivoli. Die Bauarbeiten am neuen Stadion hatten begonnen und es hieß eine Saison lang Abschied nehmen.

Fortsetzung am 14. Januar, 10:00 Uhr

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