Die Alemannia-Doku, Teil 17

Teil 17: Alemannia 2000 – zwischen Wahnsinn und Genie von Axel Schaffrath

· 08/09 Die Tivoli Abschieds-Saison
· 08/09 Neuer Manager – andere sportliche Perspektiven?
· 08/09 Chaos pur!

Die Tivoli Abschieds Saison

Ein Saisonziel wurde nicht ausgeben aber die Mannschaft sollte verändert werden. Präsenter in der Abwehr, kompakter im Mittelfeld und mit Benjamin Auer ein echter Torjäger, dazu ein Rückkehrer mit Markus Daun. Ein Talent namens Lewis Holtby sollte als „Geheimwaffe“ fungieren und für spielerisches Element sorgen. Die als Enttäuschung verbuchten Kolev, Pecka und Lagerblom verließen die Alemannia auf eigenen Wunsch.

Aber eine Saisonvorbereitung ohne Querelen? Natürlich nicht! Alex Klitzpera sollte auch gehen, der Trainer plante ohne ihn. Wurde der Umstand, dass mit Alex der dienstälteste Spieler und einer der Helden in der so erfolgreichen Zeit gehen musste, schon kontrovers diskutiert, goss der Trainer schnell Öl ins Feuer. Eine von vielen Fans geforderte, ordentliche Verabschiedung gab es nicht, der Trainer degradierte Alex und der Musterprofi, der wie kein anderer typisches Alemannia Fußballblut in den Adern hatte, wehrt sich. Fassungslosigkeit macht sich bei den Fans breit, irgendwie löst sich die Affäre dann aber doch mit dem Wechsel von Alex zum FSV Frankfurt auf. Was sich aber nebenbei offenbarte: Jörg Schmadtke würde seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag wohl nicht verlängern und der Trainer hatte alle Macht zum Schalten und Walten.

Der Saisonauftakt gestaltete sich holperig wie fast immer. Einem mühsamen Auftaktsieg gegen Wehen folgte eine schlappe Niederlage in Rostock, die allerdings als couragierter Auftritt gegen einen Bundesligaabsteiger verkauft wurde. Ein Unentschieden in Nürnberg gegen einen weiteren Absteiger sorgte für Aufregung: Die 2-0 Halbzeitführung wurde im zweiten Durchgang nicht nur verspielt sondern eher schmeichelhaft in ein 2-2 umgewandelt. Kritik an der Leistung, der Aufstellung und Einstellung wurde mit der alt bekannten „überzogenen Erwartungshaltung“ abgetan. Die Stimmung zwischen Trainer und Fans verschlechterte sich zusehends. Aber für den „Fall“ des Trainers reichte es nicht – zum einen war das Schicksal von Schmadtke mit Seeberger verknüpft, zum anderen fehlte dem guten Jörg der Gestaltungswille (weil er selber seine Zukunft nicht mehr in Aachen sah) und die Ergebnisse waren nicht so katastrophal dass zwingend gehandelt werden musste. In Duisburg schlitterte der TSV nur knapp an einem Debakel vorbei, das Endergebnis von 3-2 aber sprach eine andere, freundlichere Sprache. Diesem Spiel folgte das Pokalausscheiden in Wehen nach einer erneut total desolaten Leistung, die die Gemüter der Fans weiter erhitzte.

So wunderte sich der Gästetrainer Robin Dutt nach dem nächsten Spiel in Aachen warum denn zu so einem frühen Zeitpunkt in Aachen über den Trainer diskutiert wurde. Aber die Siege waren nicht wirklich überzeugend und die Auswärtsauftritte meistens sehr mau und blutleer. Mitten in die ohnehin schon leicht prekäre sportliche Situation platzte dann Jörg Schmadtke mit einem Fernsehinterview vor dem Montagabendspiel gegen die bis dahin ungeschlagenen Mainzer. Er werde seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern so der Manager, der Sieg gegen die Mainzer geriet daraufhin zur Nebensache. Der Aufsichtrat der GmbH (und nicht der Geschäftsführer) beurlaubte darauf hin am nächsten Tag Schmadtke und damit ging eine überaus erfolgreiche Ära zu Ende.

Schmadkte hatte einen großen Anteil an dem Aufschwung des TSV, ohne seinen Ehrgeiz, seine Zielstrebigkeit und seine Dickfelligkeit, die ihn für Außeneinflüsse unerreichbar machte wäre Alemannia wahrscheinlich von der Bildfläche verschwunden. Aber die Zeit in Aachen hat ihre Spuren auch an Jörg Schmadtke hinterlassen und so war es wohl nur eine Frage der Zeit wann er den Tivoli verlassen würde.

Nach dem unnötigen 1-1 in Fürth zeigte die Alemannia ihr „hässliches“ Auswärtsgesicht auch am Tivoli, gegen den sehr limitierten Aufsteiger RW Ahlen – mit einem indiskutablen Auftritt wurde mit 0-2 verloren. Mühsam klettere Aachen danach dann doch wieder nach oben, durch ein Serie von 6 Spielen ohne Niederlage wurde der Anschluss an die Aufstiegsplätze hergestellt. Im letzten Vorrundenspiel in Augsburg (1-3)lieferte Aachen dann wieder Zündstoff für die Trainerdebatte, mit einem total leblosen Auftritt wurde die eigentlich gute Ausgangslage getrübt.

Neuer Manager – andere sportliche Perspektiven?

Andreas Bornemann hießt der neue Manager, er kam aus Freiburg wo er unter Volker Finke erfolgreich arbeite. Bornemann weigerte sich allerdings ein Ziel für den Rest der Saison auszugeben, das von den Fans herbeigesehnte Signal zum Angriff auf die Aufstiegsplätze blieb aus. Vorsichtig und besonnen wollte der neue Manager die Aufgabe angehen – konkrete Kommentare zu sportlichen Leistungen oder Vorstellungen sollten von ihm weniger ausgehen. Immerhin zeigte der Manager seine ganze Kompetenz und Afrika Connection mit der Verpflichtung von Hervé Oussalé kurz vor Ende der Spielpause.

Desolat wie die Hinserie beendet wurde begann auch die Rückrunde –in Wehen schoss die Alemannia nicht ein einziges Mal auf das Tor und setzte einen neuen Tiefpunkt. Der erste Gegner der verbleibenden 9 „Tivoliabschiedsspiele“ wurde mit Hansa Rostock begrüßt, eine Mannschaft die stark in den Abstiegsstrudel geraten war. Die Besucher des Spiels staunten nicht schlecht, da stand nämlich eine andere Mannschaft auf dem Spielfeld. Spielfreudig, kombinationssicher und laufstark ging diese Mannschaft mit 3-1 in Führung und vergab etliche gute Chancen die Führung auszubauen. Leider hatte diese Mannschaft keine schwarz gelben Trikots an, es waren die Rostocker die gar nicht wie ein potenzieller Absteiger aussahen – sondern 80 Minuten wie die sichereren Sieger. Mit einer erstaunlichen Kampfmoral bogen die Alemannen dieses Spiel allerdings noch um und schafften den Ausgleich.

Begleitet wurden die Abschiedsspiele von eher peinlichen Showevents der Marketingabteilung – ein müdes Kopfschütteln und zartes Lächeln war noch das beste was man dafür übrig haben konnte. Nach dem Spiel lobte der Manager die Arbeit des „besten und erfolgreichsten Trainers der zweiten Liga“, „58 Punkte in 34 Spielen sprechen eine deutliche Sprache“ so die Worte von Bornemann. Man sein „sportlich total auf einer Linie“ und er werde sich zeitnah um eine Vertragsverlängerung mit Seeberger kümmern – ganz konträr zur allgemeinen Lage und Meinung am Tivoli.

Untermauert wurde seine Meinung im nächsten Heimspiel gegen den Club. Mit einem spektakulären Auftritt von Lewis Holtby besiegte der TSV den Absteiger mit 6-2 und gab den Fans neue Aufstiegshoffnungen. Aber wie so oft nach einem kurzen Höhenflug kommt der Absturz schnell: zunächst sorgt die Meldung dass Horst Heinrichs, der bei den Fans beliebte Präsident, im Sommer vom Verwaltungsrat nicht mehr zur Wiederwahl nominiert werden soll, für negative Stimmung, das torlose Unentschieden in Ingolstadt brachte viele(s) auch sportlich wieder auf den Boden der Tatsachen, schwach, konzeptlos und ohne Durchschlagskraft präsentierten sich die Tivoli Kicker in der Audistadt. Der Platzverweis für Vukovic nach einer mehr als töpelhaften war sicher eins der negativen Highlights der Saison, bitter allerdings dass Markus Daun mit einer völlig überflüssigen Aktion ebenfalls die rote Karte sah und sich zudem auch noch übel verletzte.

Ein Kommentar zu dieser „unterirdischen“ Leistung blieb von dem sportlichen Leiter aus – er hatte ja mit der Verlängerung des Vertrages von Jürgen Seeberger bereits ein „Zeichen“ gesetzt. Die beiden folgenden Spiele konnten den Alemannia Fans dann allerdings nur noch den Zorn ins Gesicht treiben. Gegen den MSV (zu Hause) und in Freiburg wurde jeweils 1-2 verloren, in beiden Spielen „versäumte“ es der Trainer durch Einwechslungen einen „schlagbaren“ Gegner auszuknocken um dann konsequent selber KO zu gehen. Nach diesen Tiefschlägen taumelte Alemannia ins Niemandsland der Tabelle und die Stimmung rund um die Krefelderstraße glich einem Pulverfaß. Ein (unüberlegtes) Interview vom Geschäftsführer und Manager legte dann die Lunte zur Explosion der Volksseele – Aachen ist nur Mittelmaas und muss sich vor allen an den nicht vorhandenen finanziellen Mitteln orientieren, der nächste Gegener St. Pauli hat ganz andere Möglichkeiten. Das setzten die Spieler auch im Spiel um, sang und klanglos gab es eine in allen Belangen verdiente Niederlage. Es folgten wütende Proteste der Fans, Blockade des VIP Zeltes und laute Rufe nach dem Kopf des Trainers. Zur vorübergehenden Beruhigung wurde eine „Aussprache“ mit den Fans anberaumt. Was die sportliche Leitung nicht an Motivation leisten konnte, besorgten die Fans: Irgendwie müssen die deutlichen Worte eine erstaunliche Wirkung bei der Mannschaft hervorgerufen haben, jedenfalls rettete ein unerklärlich deutliches 4-1 beim folgenden Auswärtsspiel in Mainz den Kopf des Trainers. Und auf einmal ging es wieder, mit Siegen gegen Fürth und in Ahlen konnte der TSV wieder oben ran kommen. Was die Fans am Tivoli aber vom Trainer Seeberger halten wurde nach dem nächsten Heimspiel gegen den FSV Frankfurt deutlich: Sie feierten einen Helden! Alex Klitzpera bekam nach dem Spiel „standing Ovations“ von den Zuschauern und wurde von dem S-Block mit einer Humba gefeiert. Es war in Aachen nicht vergessen dass er ein Motor des Erfolges der letzten Jahre war, ein Vorzeigeprofi der dieses Spiel ehrlich arbeitete! Diese lautstarken Sympathiekundgebungen und seine Ehrenrunde müssen Seeberger wie eine schallende Ohrfeige vorgekommen sein, wunderte sich doch der Trainer dass von dem 2-0 Sieg niemand wirklich Notiz nahm. Es folgte ein ungefährdetes 2-0 in Koblenz und nun fragte sich jeder: Kann Alemannia Aachen doch noch mal ins Aufstiegsrennen eingreifen?

Die nächsten Aufgaben schienen machbar, Oberhausen und Osnabrück sollte man schlagen, dann wäre alles möglich. Wer jetzt einen Manager oder Trainer erwartete die positive Parolen ausgeben würden, der wurde schnell eines besseren belehrt. Euphorie dämpfen, Erwartungen klein reden und den nächsten Gegner stark machen hieß die Strategie. Nun es funktionierte: Oberhausen und Osnabrück waren zu stark, ein mageres Unentschieden war zu wenig als Ausbeute aus diesen Spielen – ein Punkt statt 6 ließ die Aufstiegschancen auf ein theoretisches Minimum schrumpfen. Drei Spiel gab es noch, aber auch schon vier Punkte Rückstand und nur der sechste Platz, hinter dem nächsten Gegner 1.FC Kaiserslautern. So hilfreich wie man sich auf Seiten des TSV den roten Teufel in der letzten Saison gezeigt hatte so wenig kooperativ gab man sich im vorletzten Heimspiel am Tivoli, das 1-0 bedeute das Ende der Aufstiegshoffnungen vom 1. FC Kaiserslautern. Rechnerisch wurde durch das 1-1 bei 1860 München auch für Alemannia das Aufstiegsrennen beendet, so konnte ein ungefährdetes 3-0 gegen Augsburg den würdigen Endpunkt unter den Aachener Tivoli setzen und die Saison mit 56 Punkten auf dem vierten Platz beendet werden. Einen faden Nachgeschmack hinterließ diese Saison trotzdem – nicht nur weil der geliebte Tivoli seine Tore schlissen sollte!

Chaos pur!

Sie hatten es sich so schön ausgemalt, die Alemannia Verantwortlichen: Mit Günther Reinartz sollte ein „Linientreuer“ neuer Präsident werden, das ganze Präsidium des Vereins für harmonische Zusammenarbeit stehen. Allen Diskussionen und Vorwarnungen zum trotz ignorierten sie die Stimmen der Mitglieder und Fans im Vorfeld- die nach Aufklärung im Fall „Horst Heinrichs“ riefen, die Erklärungen für das „Ausbooten“ von potenziellen Kandidaten ohne Gründe verlangten – und gingen unvorbereitet in die anstehende Jahreshauptversammlung. Keine Erklärungen, kein Plan B, statt dessen nur die Ankündigung des zu wählenden Präsidiums entweder komplett oder gar nicht anzutreten. Eine turbulente Versammlung folgte die klare Fakten schaffte (Reinartz wurde deutlich nicht gewählt und damit war die Versammlung beendet, Horst Heinrichs von den Mitgliedern minutenlang frenetisch gefeiert) aber viele Fragen offen ließ. Wie „schlimm“ waren die Verfehlungen Horst Heinrichs? Und wie lange vorher wussten man im Verwaltungsrat davon, bevor sie gegen Heinrichs verwendet wurden? Nach der gescheiterten Versammlung tappten die Verantwortlichen immer weiter in Fettnäpfchen und sanken tiefer in der Beliebtheitsskala. Der Staatsanwalt ermittelte mal wieder und der Notvorstand Heinrichs trat zurück (Die Vorwürfe gegen ihn wurden fallen gelassen und die Untersuchung letztlich eingestellt) – wer genau den Ermittler auf den Plan gerufen hat ist bis heute zweifelhaft. In den Hintergrund geriet dabei die Tatsache dass die GmbH offensichtlich erhebliche finanzielle Schwierigkeiten zu bewältigen hat – ein Verlust von über 3,6 Millionen € aus dem Geschäftsjahr 2008 belastete die Liquidität zusätzlich. Alemannia präsentierte sich abseits des grünen Rasens in jämmerlicher Verfassung.

Die Verantwortlichen Bornemann und Seeberger bastelten in der Zwischenzeit an einem neuen Kader, Mittelfeldmotor Matze Lehmann war nicht mehr erwünscht und Lewis Holtby wurde notgedrungen nach Schalke transferiert – was jeder schon wusste wurde als Neuigkeit präsentiert. Zusammen mit Holtby ging auch der talentierte Nachwuchsspieler Christoph Moritz nach Gelsenkirchen – ohne Ablöse (er war durch das Talentnetz der Aachener geschlüpft). Amen Demaii und Thorsten Burkhardt waren die namhaftesten Zugänge, Nico Herzig hieß der Rückkehrer aus Bielefeld. Nach dem erfolgreichen Holtby Transfer zog Bornemann noch Babacar Gueye aus dem Hut, ein franco senegalesisches super Talent, der zwar teuer sei aber sicher eine tolle Perspektive für sich und den Verein bringen würde – so der Manager (dem Trainer war der Spieler jedoch noch unbekannt).

Der erste Auftritt der neuen Mannschaft ließ jedenfalls nichts Gutes erahnen, beim mühevollen 4-1 beim Amateurligisten Torgelow offenbarte die Mannschaft erhebliche Abstimmungsprobleme im defensiven Mittelfeld und zeigte sich sehr anfällig für schnelle Konter, selbst wenn die von besseren Freizeitspielern vorgetragen werden.

Nach dem Saisonauftakt gegen den Absteiger Karlsruher SC (1-1)wurde ein eigentlich schwacher Auftritt noch schöngeredet, aber die brutale Realität holte Alemannia ausgerechnet bei der Premiere im neuen Tivoli ein.

Fortsetzung am 15. Januar, 10:00 Uhr

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