Alemannia 1933 bis 1945: Expertenlob für Ausstellung im Zeitungsmuseum

Das Foyer des Internationalen Zeitungsmuseums in der Pontstraße war fast zu klein für die vielen Gäste, die bei der Eröffnung der von der Fan-IG angeregten und mitgestalteten Ausstellung über Alemannia Aachen in der Zeit des Nationalsozialismus dabei sein wollten. Dabei durften sich die Macher des nicht nur informativen, sondern auch sehr ansprechend präsentierten Rückblicks auf dieses dunkle Kapitel unserer Vereinsgeschichte über viel Lob von Besuchern und Fachleuten freuen.

„Wissenschaftlich fundiert, akribisch und aufklärend, aber ohne erhobenen Zeigefinger“ blicke die Ausstellung auf eine Zeit zurück, die immer in wacher und mahnender Erinnerung bleibe müsse, betonte Museumsleiter Andreas Düspohl: „Aufklärung tut gerade heute in einer Zeit Not, da sich einige gesellschaftlich Kräfte Ausgrenzung und Intoleranz wieder groß auf die Fahnen geschrieben haben. Deshalb bin ich sehr froh, dass die Alemannia-Fan-IG mit der Idee für dieses Projekt ans Zeitungsmuseum herangetreten ist. Da wir neben Medienkompetenz auch historische Kompetenz vermitteln wollen, ist unser Museum sicher ein guter Schauplatz für diese gelungene Ausstellung.“

 

Es gebe bereits viele Untersuchungen darüber, was während der Nazi-Zeit in Aachen geschehen sei, ergänzte Route-Charlemagne-Leiter Dr. Frank Pohle: „Ein Blick auf den Sport in dieser Zeit und auf die Rolle der Alemannia, die damals schon Aachens größter und wichtigster Klub war, fehlte bislang noch.“

 

IG-Sprecher Thomas Wenge sagte zur Motivation der IG: „Diese Ausstellung kann und will keine Antwort geben. Sie will auch nicht moralisch bewerten – das ist Ihre Aufgabe! Was sie aber will, ist, das Bewusstsein zu schaffen, wohin Intoleranz und Ausgrenzung führen können. Dieses Bewusstsein umzusetzen in unser Alltagsleben, genau hinzugucken und aufzupassen, um dann Beobachtung in Handlung umzusetzen – darum geht es“.

 

Mit einer Vielzahl von historischen Fotos und Dokumenten sowie Ausschnitten aus Tageszeitungen-, Sport- und Vereinszeitschriften arbeitet die Ausstellung das damalige Geschehen im Verein selbst auf, blickt aber auch auf die gesamtgesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten in jener Zeit zurück. Im Mittelpunkt stehen dabei die völlig gegensätzlichen Lebenswege der Alemannia-Spieler Max Salomon und Reinhold Münzenberg.

 

Beide hatten bis 1933 gemeinsam erfolgreich für Alemannias Erste gespielt. Doch während Münzenbergs Karriere anschließend als Nationalspieler und WM-Teilnehmer erst richtig Fahrt aufnahm, bestritt sein jüdischer Mannschaftskamerad schon im März 1933 sein letztes Spiel für die Alemannia und „trat dann in Folge der Zeitrichtung ab“. So stand es jedenfalls in der Vereinszeitung. Tatsächlich wurde Salomon wie andere jüdische Mitglieder auch aus dem Verein herausgedrängt – quasi in vorauseilendem Gehorsam, wie Stadtarchiv-Leiter Dr. René Rohrkamp betont. Denn der Klub sei keineswegs „von oben“ zu diesem Schritt gezwungen worden. Vielmehr habe es sich um ein sehr frühes und durchaus freiwilliges Entgegenkommen an die neuen Machthaber gehandelt.

 

Salomon musste nach Belgien fliehen, wurde dort 1940 beim Angriff der Wehrmacht als „feindlicher Ausländer“ verhaftet, interniert und 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er unter bis heute nicht geklärten Umständen zu Tode kam. Lange war Max Salomon vergessen, während Reinhold Münzenberg, den Rohrkamp als einen von vielen angepassten Mitläufern jener Zeit einstuft, zur Vereinslegende aufstieg. In der Ausstellung kann man sich auch ein Radio-Interview von 1974 anhören, in dem „der Eiserne“ sich auch über Fußball unterm Hakenkreuz äußert.

 

An der Konzeption und Realisation der Ausstellung beteiligt waren neben Stadtarchivar Rohrkamp und dem Museumsleiter Düspohl insbesondere der Aachener Historiker Markus Maaßen, Lutz van Hasselt von der Alemannia-Fanbetreuung sowie Fan-IG-Sprecher Thomas Wenge und sein Vorgänger André Bräkling. Viel Beifall gab es für die Arbeit des Gestaltungsbüros Wesentlich, das die Ausstellung szenographisch reizvoll wie einen Gang über ein Fußballfeld gestaltet und dabei vorwiegend auf die Vereinsfarben Schwarz und Gelb zurückgegriffen hat.

Gefördert wird die Ausstellung unter anderem vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ des Bundesfamilienministeriums, von der Volkshochschule, der Stadt Aachen und der Bauunternehmung Deubner sowie der DFB-Kulturstiftung.

 

Enttäuscht ist die IG allerdings, dass ein Vertreter des damaligen Vereinspräsidiums deutlich ablehnend reagiert hat, als er zu Beginn des Projekts vor gut drei Jahren gefragt wurde, ob die Alemannia-Spitze eine solche Ausstellung befürworten und unterstützen wolle.

 

 

Die Ausstellung im IZM (Pontstraße 13, www.izm.de) läuft bis zum 4. März 2018 und ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Sonntags um 11 Uhr gibt es öffentliche Führungen. Der Eintritt kostet sechs Euro (ermäßigt drei Euro). Drei Kuratorenführungen sind jeweils dienstags ab 17 Uhr geplant – am 14. November mit René Rohrkamp, am 16. Januar mit Thomas Wenge und am 13. Februar mit André Bräkling.

 

Aktuelle Infos auch zum geplanten Rahmenprogramm gibt es auf facebook.com/Alemannia33bis45/

 

Einen ausführlichen und sehr empfehlenswerten Bericht mit vielen Fotos haben dankenswerterweise die Kartoffelkäfer veröffentlicht: www.diekartoffelkaefer.de.


 

Kommentare: Kommentare deaktiviert für Alemannia 1933 bis 1945: Expertenlob für Ausstellung im Zeitungsmuseum

Keine Kommentare erlaubt.

100,5 Das Hitradio     Schlun Baugruppe

Streetscooter

DocMorris

Gegen Extremismus und Gewalt

Jugend im "Kampf gegen Gewalt" Aachen e.V.

Toleranz fördern, Kompetenz stärken

Offen für jeden Fan