Protokoll des Offenen Abends vom 11.05.2017 – Gast: Insolvenzverwalter Dr. Niering

Insolvenzverwalter blickt beim Fan-Abend optimistisch nach vorn

 

Rund 70 Alemannia-Fans versammelten sich am 11. Mai beim offenen Abend der Fan-IG in der Tivoli-Gaststätte Klömpchensklub, um sich aus berufenem Munde über den Stand des Insolvenzverfahrens und die Planungen für die nächste Saison zu informieren. Nach der Gedenkminute für unseren vor 18 Jahren viel zu früh verstorbenen Erfolgstrainer Werner Fuchs begrüßte IG-Sprecher Thomas Wenge als Gäste den (vorläufigen) Insolvenzverwalter Dr. Christoph Niering und seinen Kollegen André Dobiey. Beide standen den Fans fast zwei Stunden lang Rede und Antwort und versorgten uns mit vielen interessanten Informationen. Die wichtigsten Punkte fassen wir hier nun schlaglichtartig zusammen.

 

Dr. Christoph Niering und André Dobiey über…

 

…den neuen Kilic-Vertrag: Niering deutete an, dass er sich am Tag nach dem IG-Abend zur Vertragsunterzeichnung mit Fuat Kilic treffen werde. So kam es ja dann auch. Die lange Laufzeit von drei Jahren und die großen Verantwortungsbereich von Kilic (Trainer 1. Mannschaft, sportlicher Leiter, Chef NLZ) begründete Niering auf kritische Nachfragen zweier Fans damit, dass der angestrebte Neuaufbau Ruhe, Kontinuität und Zeit brauche:

„Ich kann einen Mitarbeiter nicht mit einem völligen Neuaufbau beauftragen und ihm dann nur ein Jahr Zeit geben.“

 

Kilic sei ein „richtig Guter“ und genieße nach seinem Eindruck großen Rückhalt in der gesamten Alemannia-Familie. Auch hätten mehrere Sponsoren ihr Engagement davon abhängig gemacht, dass Kilic Trainer bleibt. Laut Niering und Dobiey gibt es aber „klar definierte Ausstiegsklauseln“ für beide Seiten. Komme es zur vorzeitigen Trennung, dann erhalte der Trainer nicht (wie in der freien Wirtschaft üblich) das komplette Restgehalt, sondern eine für den Verein zumutbare anteilige Abfindung.

 

…den Saison- und Sponsorenetat: Wie bereits bekannt, wird mit einem Gesamtetat von 2,5 Millionen Euro geplant. Eine Million (inklusive Berufsgenossenschaftsbeiträge etc.) soll in die 1. Mannschaft fließen (inklusive Trainer, Betreuer, Reisekosten etc.). Für die reinen Bruttogehälter bleiben etwa 700.000 Euro übrig.

Auf der Einnahmenseite sollen die Zuschauergelder (angepeilter Schnitt 4800, darunter 1700 Dauerkarten) etwa 500.000 Euro bringen. Das reicht kaum aus, um die reinen Spieltagskosten (rund 250.000 Euro Jahresmiete für Stadion und Parkhaus plus Ordnungsdienst etc.) zu decken. Beim Sponsoring werden Einnahmen von 1,65 Millionen Euro angepeilt. Am 11. Mai seien bereits knapp 80 Prozent, also über 1,2 Millionen Euro, fest zugesagt und weitere lukrative Verträge in Aussicht gewesen. Er sei zunächst skeptisch gewesen, ob das Ziel erreicht werden könne, so Niering. Der Sponsorenabend am 4. Mai habe aber für einen mächtigen Schub gesorgt und ihn sehr optimistisch gestimmt. Es würden weiterhin täglich „Klinken geputzt“.

 

…den neuen Hauptsponsor: Niering sprach von „guten Kontakten“ mit einem „regionalen Unternehmen, das auch vom Produkt her wirklich zur Alemannia passen würde“. DocMorris bleibe erfreulicherweise trotzdem im Boot, ebenso die Sparkasse sowie der bis 2020 gebundene Ausrüster Joma, mit dem man einen sehr fairen Vertrag habe, und andere Unternehmen aus der bisherigen Riege der größeren Sponsoren. Bei optimalem Verlauf der weiteren Akquise könnte die Zahlung des möglichen Hauptsponsors eventuell ganz oder teilweise auf die 1,65 Millionen draufgesattelt werden – zu Gunsten der Mannschaft.

 

…die Unterstützung der Stadt: Wenn alles andere stehe, wolle man hier „die letzten Bausteine“ anbringen. Eine direkte kommunale Förderung sei ausgeschlossen, aber auch verstärktes Sponsoring durch die stadtnahen/städtischen Gesellschaften und eine Reduzierung der Mieten könnten helfen. Auf Entgegenkommen hofft Niering insbesondere bei der Aseag. 80.000 Euro für das kostenlose Busticket seien utopisch. Eine Idee lautet, für einen deutlich niedrigen Preis das kostenlose Ticket zumindest wieder in die Dauerkarten zu integrieren.

 

…den alten Geschäftsführer: Timo Skrzypski geht laut Niering noch im Mai in Elternzeit, wird dann schon nicht mehr auf der Gehaltsliste stehen und zum 30. Juni komplett ausscheiden. Er sei in den vergangenen Wochen seit dem Insolvenzantrag zwar nicht mehr am Tivoli, aber stets erreichbar und sehr kooperativ gewesen.

 

…den neuen Geschäftsführer: Er sollte eigentlich bereits feststehen, doch nachdem er von drei ins Visier genommenen drei Wunschkandidaten Absagen erhalten habe, sei das Thema erst einmal auf den Juni vertagt worden, so Niering.

 

„Weitere Bewerbungen, auch einige durchaus überzeugende, gibt es genug. Wir suchen jemanden mit Fußballerfahrung – aber keinen, der im feinen Anzug und mit Täschchen auf dicke Hose macht. Eher einen Jeans- und T-Shirt-Typ, der die Fans einbindet und auch selbst mit anpackt.“

 

Zeitdruck sieht Niering nicht. Er geht davon aus, dass das Insolvenzverfahren um den 1. Juni herum offiziell eröffnet wird. Bis zum Ende des Verfahrens sei letztlich er selber als Insolvenzverwalter der hauptverantwortliche Akteur.

 

…die Steuerproblematik: Nachdem die Politik eine Gesetzesänderung und eine gute Übergangsregelung auf den Weg gebracht hat, geht Niering fest davon aus, dass sich das Problem im Laufe des zweiten Insolvenzplanverfahrens erledigen wird.

 

…die Investorenfrage: Niering und Dobiey stellten nochmals unmissverständlich klar, dass es aktuell kein seriöses Angebot und auch keinen Kontakt zu Kölmel gebe („keine Telefonate, kein Treffen, kein Angebot.“)

 

„Wenn jemand genug Geld bietet, ein gutes Konzept mitbringt und nicht gleich alles komplett haben will, kann ein Investoreneinstieg sinnvoll sein. Aber noch einmal: So jemand ist nicht in Sicht. Wir wollen es aus eigener Kraft selber schaffen.“

 

…die künftige Grundausrichtung: Erklärtes Ziel ist es, die neue Alemannia für die nächsten drei Jahre („Projekt Alemannia 2020“) so zu positionieren, dass sie in der Regionalliga überleben kann, ohne unbedingt aufsteigen zu müssen. Dies könne aber nur gelingen, wenn Sponsoren, Fans und Mitglieder sich mittelfristig wirklich auf die Regionalliga einlassen und alle Strukturen derart zurechtgestutzt würden, dass sie zu dieser Liga passen.

 

…über Sparmaßnahmen: Niering deutete an, dass Mitarbeiter gehen müssen. Es werde bereits an Aufhebungsverträgen gearbeitet. Hier werde es nach der offiziellen Verfahrenseröffnung Maßnahmen geben. Aber auch alle anderen Ausgabenposten müssten überprüft werden – etwa die Videowall (2000 Euro pro Spiel), das Tivoli-Echo (fast 40.000 Euro Druckkosten pro Saison) und das elektronische Ticketsystem (fast 50.000 Euro pro Jahr).

 

…den Ordnungsdienst: Hier soll mit den Behörden über eine Reduzierung der Ordnerzahl (derzeit 160 pro Spieltag) verhandelt und über eine Einbindung von Ehrenamtlern aus der Fangemeinde nachgedacht werden. Auch eine spätere Stadionöffnung (eine Stunde statt jetzt anderthalb Stunden vor Anpfiff) sei eine Überlegung wert (Einspareffekt:160 halbe Arbeitsstunden bei 18 Euro pro Stunde/Ordner gleich 24.480 Euro pro Saison).

 

…die Ehrenamtler-Einbindung: Soll verstärkt werden. Dass der Verein einen Ehrenamtskoordinator berufen hat und dass auch bei der Fan-IG an Konzepten für eine verstärkte Einbindung von Ehrenamtlern gearbeitet wird, begrüßte Niering ausdrücklich. Er sei für jede Hilfe und jeden eingesparten Euro dankbar.

…den „Club 36“: Nierings Arbeitstitel für eine langfristig angelegtes Sponsoring durch Fans. Interessenten sollen sich bereit erklären, 36 Monate lang einen beliebigen Monatsbeitrag per Dauerauftrag zu spenden („egal ob fünf, zehn, 50 oder 100 Euro“). Das Geld könnte gezielt in die Stärkung der 1. Mannschaft fließen:

 

„Eine derartige kontinuierliche Unterstützung der Fans für ihre Mannschaft wäre mit viel lieber als irgendwelche Rettungsspiele oder Bettelaktionen.“

 


 

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